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ANALYSE: Die High-Speed Irrungen & Wirrungen des Großbritannien GP

ANALYSE: Die High-Speed Irrungen & Wirrungen des Großbritannien GP

Hinter den Silberpfeilen liegt ein historisches Wochenende in Silverstone. Und so lief es ab...

'Das hat mir alles bedeutet'

Der Große Preis von Großbritannien hätte für Mercedes-AMG Petronas Motorsport nicht besser verlaufen können. Lewis Hamilton und Valtteri Bottas erzielten beim Halbzeitrennen der Saison in Silverstone den zweiten Doppelsieg des Jahres. Während Ferrari mit Reifenproblemen zu kämpfen hatte, kam Lewis in der Fahrer-Wertung bis auf einen einzigen WM-Punkt an Sebastian Vettel an. Das Team baute derweil seine Führung in der Konstrukteurs-Wertung auf 55 Punkte Vorsprung aus.

Lewis eilte bei seinem Heimrennen von einem Rekord zum nächsten. Zunächst stellte er am Samstag die fünf Poles von Jim Clark beim Großbritannien GP ein. Mit einer fantastischen Runde hatte er über eine halbe Sekunde Vorsprung auf seinen nächsten Verfolger Kimi Räikkönen.

"Jedes Mal wenn ich aus der Kurve heraus kam, konnte ich im Augenwinkel die Fans sehen. Sie winkten und unterstützen mich", sagte Lewis. "Das bedeutete mir alles. Ich konnte es spüren und die Energie inspirierte mich. Darüber hat Nigel (Mansell) schon in der Vergangenheit gesprochen."

Das Team war sich unsicher, worin die Gründe für die Überlegenheit in Silverstone lagen. Dabei war es 2016 ähnlich, als Mercedes im Qualifying eine Sekunde Vorsprung auf Red Bull hatte. Es gibt einige Theorien dafür: Die erste besagt, dass der ehemalige Flugplatzkurs sehr offen und damit windanfällig ist. Der Ferrari könnte unter diesen Bedingungen sensibler reagieren. Die zweite Theorie besagt, dass die Kurven lang und geschwungen sind. Wenn deine Aerodynamik also für eine Reihe an Charakteristiken gut funktioniert, könntest du hier besser sein. Aber das waren nur Theorien...

'Mein Hauptproblem war der Grip'

Am Renntag konnte Lewis die vier Siege beim Großbritannien GP von Nigel Mansell überflügeln. Er holte seinen vierten Sieg in Folge in Silverstone und fügte sie zu seinem ersten Sieg auf dieser Strecke 2008 hinzu. Mit fünf Siegen liegt er nun gleichauf mit Clark und Alain Prost, die diesen Grand Prix ebenfalls fünf Mal gewinnen konnten.

Nachdem Valtteri die beiden Freien Trainings am Freitag angeführt hatte, war er an der Reihe, eine Zurückversetzung um fünf Plätze hinnehmen zu müssen. Der Grund dafür war wie bei Lewis beim vorherigen Rennen in Österreich ein unplanmäßiger Getriebewechsel. Valtteri übernahm die gleiche Strategie, die sein Teamkollege eine Woche vorher angewendet hatte. Er fuhr seine Zeit im Q2 auf den Prime-Reifen von Pirelli (Soft). Dies ermöglichte es ihm, einen längeren ersten Stint im Rennen zu fahren und so hoffentlich bei freier Fahrt vor dem Wechsel auf die SuperSofts Boden gutzumachen.

Wie schon bei Lewis in Österreich hatte auch Valtteri im Q3 das Gefühl, dass seine Pace durch den Wechsel zwischen den beiden Reifenmischungen Soft und SuperSoft beeinträchtigt wurde. Dies führte dazu, dass er hinter Lewis und den beiden Ferrari-Fahrern Platz vier belegte. Inklusive der Strafe startete er also von Rang neun.

"Klar, Lewis war in Bestform, er ist eine großartige Runde gefahren", sagte Valtteri. "Aber ich weiß, dass der Unterschied zwischen uns (0,776) nicht so groß sein dürfte. Er hat die Reifen bei den kühleren Bedingungen besser auf Temperatur gebracht als ich. Mein Hauptproblem schien der Grip zu sein, nicht zu Fahrzeugbalance."

Dies war eine interessante Phase des Rennens

Als das Feld in der Startaufstellung ankam, schlugen Flammen aus den Hinterradbremsen von Vettels Auto. In der Folge legte der WM-Führende keinen guten Start hin. Während Lewis seine Pole verteidigte, verlor Vettel einen Platz an Red Bull-Mann Max Verstappen. Das hatte einen erheblichen Einfluss auf sein Rennen, da Verstappen sich stark verteidigte und Vettel erst mit einem Undercut bei einem frühen Stopp in Runde 18 am Niederländer vorbeikam. Zu diesem relativ frühen Zeitpunkt des Rennens lag er bereits 16 Sekunden hinter Lewis.

Dies war eine interessante Phase des Rennens. Am Freitag herrschte die Meinung vor, dass die beste Rennstrategie eine enge Entscheidung zwischen einem oder zwei Stopps sein würde. Das Team plante vor dem Rennen nur einen Stopp für beide Autos. Es wusste dabei aber, dass dies eine aggressive Herangehensweise war. Andere planten mit zwei Stopps und änderten ihre Meinung in Runde zwei, als das Safety Car in Folge einer Kollision der beiden Toro Rosso-Fahrer herauskam. Dadurch rückte das Feld näher zusammen und die Möglichkeit, den notwendigen Vorsprung für eine Zwei-Stopp-Strategie herauszufahren, verschwand. Das Risiko einer Ein-Stopp-Strategie war jedoch, dass man die Lebensdauer der Reifen bis ans Maximum ausreizen musste.

Die Team-Strategen merkten ebenfalls an, dass der Reifenabbau in Silverstone ungewöhnlich ausfiel. Statt linear war er sinusförmig. Die Reifen waren zu Beginn schnell, wurden dann sehr langsam und danach gegen Ende des Stints wieder schneller - bevor sie schlussendlich abfielen. Wenn man zu hart angriff, so lange die Reifen langsam waren, konnte das zu relativ aggressiver Blasenbildung führen.

In diesem Wissen achtete Lewis ganz genau auf die Pace, als er das Feld anführte. Er lag nach den ersten zehn Runden nur 2,37 Sekunden vor dem Ferrari von Räikkönen. Er musste aber vorsichtig sein, denn nach zwölf Runden war Räikkönen nur noch zwei Sekunden vom nötigen 18-Sekunden-Boxenstoppfenster gegenüber Hülkenberg auf Platz sechs entfernt. Das hätte ihm einen Undercut ermöglicht. Lewis zog deshalb das Tempo an und baute seine Führung auf Räikkönen auf vier Sekunden aus, um sich vor dieser Variante zu schützen.

'Wenn du von Valtteri nicht weg kommst, lass ihn vorbei'

Valtteri hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt auf den weichen Reifen bis auf Platz fünf vorgekämpft. Er überholte Perez und Vandoorne auf der ersten Runde, Ocons Force India in Runde fünf und Hülkenbergs Renault in Runde sieben. Nun kam er Vettel näher und lag nur noch drei Sekunden hinter dem Ferrari-Fahrer, der noch immer hinter Verstappen festhing.

Die Strategen des Teams hatten berechnet, dass die Soft-Reifen ungefähr für 32 Runden gut sein würden. Vettels früher Stopp war in Runde 18, um einen Undercut gegen Verstappen zu schaffen. Dadurch musste Ferrari die verbleibenden 33 Rennrunden auf den gelben Pirelli-Reifen absolvieren. Bei freier Fahrt konnte Vettel die Pace von Lewis mitgehen. Er lag 16 Sekunden hinter Valtteri auf Platz drei. Jetzt musste Vettel schneller fahren, als ihm auf den frischen Reifen eigentlich lieb gewesen wäre.

Der Kommandostand informierte Valtteri darüber, dass dies "eine entscheidende Phase des Rennens" darstellte. Der W08 mit den gebrauchten weichen Reifen und Vettel auf den neuen Reifen schienen sehr ausgeglichen zu sein. Nun versuchte Valtteri, den nötigen Vorsprung von 18 Sekunden herauszufahren, um nach seinem Wechsel auf die SuperSofts vor dem WM-Führenden herauszukommen.

Der einzige Boxenstopp von Lewis in Runde 25 verkomplizierte die Situation leicht, da er direkt vor Valtteri herauskam. Das kostete ihn in Runde 26 1,5 Sekunden auf Vettel. Das Team teilte Lewis sofort mit: "Wenn du nicht von Valtteri wegfahren kannst, lass ihn vorbei."

"Ich ziehe ihn mit mir mit", antwortete Lewis, während seine neuen Soft-Reifen auf Temperatur kamen. So war er mit Abstand das schnellste Auto auf der Strecke.

Valtteri griff in Runde 42 hart an

Bis zu seinem Boxenstopp in Runde 32 konnte Valtteri den nötigen Vorsprung von 18 Sekunden gegenüber Vettel nicht herausfahren. Er kam fünf Sekunden hinter dem Ferrari zurück auf die Strecke, der wiederum 4,5 Sekunden hinter seinem Teamkollegen Räikkönen lag.

Räikkönen hatte nach den Boxenstopps zwölf Sekunden Rückstand auf Lewis und konnte diesen nicht unter Druck setzen. Entsprechend bestand die Möglichkeit, dass Ferrari im Sinne der Weltmeisterschaft seine beiden Fahrer die Positionen tauschen lassen könnte. Valtteris Ziel musste es deshalb sein, Vettel so schnell wie möglich einzuholen. In Runde 35 setzte er locker die bis dahin schnellste Rennrunde und kam bis auf drei Sekunden heran. Damit zwang er Vettel zu einer Reaktion in den kommenden fünf Runden. Nun waren nur noch zehn von 51 Runden zu fahren, aber Vettels Reifen fielen langsam ab.

Valtteri griff in Runde 42 hart an und versuchte, in Stowe außen herum am Ferrari vorbeizugehen. Aber Vettel drängte ihn nach außen. Valtteri blieb dran und die beiden gingen Seite an Seite in Vale. Vettel ließ nicht nach, was er allerdings auf Kosten eines rauchenden linken Vorderreifens erkaufte. Rückblickend könnte dies ein Faktor für den folgenden Reifenschaden bei Vettel gewesen sein. Denn der Verbremser führte zu weniger Gummi auf der Oberfläche des Reifens.

Beim nächsten Versuch erwischte Valtteri einen besseren Ausgang im fantastischen Abschnitt Maggots / Becketts / Chapel. Er ging vorbei und übernahm auf der Hangar-Geraden zur Freude seiner Crew Platz drei. Übrigens freute sich auch Lewis mit, der die Zeit hatte, das Manöver auf einer der Video-Leinwände für die Zuschauer anzusehen. Er selbst setzte derweil seinen Marsch in Richtung des vierten Silverstone-Sieges in Folge fort!

'Wir haben heute einige richtig gute Manöver erlebt'

"Wir haben heute einige richtig gute Manöver erlebt", gab sich Teamboss Toto Wolff begeistert. "Ich habe den Zweikampf zwischen Valtteri und Vettel richtig genossen."

Acht Runden vor Schluss hatte Lewis 12,6 Sekunden auf Räikkönen. Valtteri hatte Vettel abgehängt und lag weitere acht Sekunden dahinter. Mit fünf super konstanten schnellen Runden verringerte Valtteri den Rückstand auf Räikkönen drei Runden vor Schluss auf nur noch 4,3 Sekunden. In Runde 49 hatte der Ferrari einen Reifenschaden, als Räikkönen in Richtung Copse Corner beschleunigte. Sein linker Hinterreifen hatte noch Luft, löste sich aber auf. Valtteri überholte ihn in Becketts und sein Landsmann musste zu einem Reifenwechsel an die Box.

Lewis und Valtteri lagen nun auf den Plätzen eins und zwei. Für einen Moment schien es so, als ob Vettel den letzten Podestplatz belegen würde. Doch dann hatte auch er einen Reifenschaden vorne links. Durch die langsame Runde zurück an die Box fiel er bis auf Rang sieben zurück - hinter die Red Bull von Verstappen und Ricciardo sowie den Renault von Hülkenberg.

Die schnelle Strecke in Silverstone sorgte nicht zum ersten Mal für Reifenprobleme. Pirelli eröffnete direkt nach dem Rennen eine Untersuchung der Ursache. Es wird aber wohl einige Tage dauern, bis die Ursachen bekannt gegeben werden.

Für die Silberpfeile bedeutete dies ein perfektes Rennen, in dem Lewis und Valtteri die anwesenden Mitarbeiter aus Brackley und Brixworth belohnten.

'Es ist erst Halbzeit und noch sind 250 Punkte zu vergeben'

Trotz des allgemeinen Jubels und der Crowd-Surfing-Einlagen von Lewis wollte Toto nicht sagen, dass Silverstone den Beweis erbracht hat, dass Mercedes das schnellste Auto und einen kleinen Vorteil im Titelkampf gegen Ferrari besitzt.

"Das würde mir gefallen", sagte er lächelnd. "Aber sobald man das sagt, geht man zum nächsten Rennen und bekommt einen Schlag auf die Finger! Es ist knifflig. Unser Auto ist nicht immer einfach abzustimmen und wir müssen uns darin noch sehr verbessern, obwohl wir eine starke Mannschaftsleistung bei den Reifen gezeigt haben. Aber ich möchte erst Budapest abwarten und sehen, wie das Auto auf einer langsamen Strecke bei hohen Temperaturen funktioniert."

"Es ist erst Halbzeit und noch sind 250 Punkte zu vergeben. Wir müssen aus unserem Auto und den Fahrern jedes bisschen Performance herausquetschen, die Fehler minimieren und die Punkte hochrechnen. Ich möchte nicht sagen, dass wir die Favoriten sind. Es wäre schön, wenn wir mit einer Führung in die Sommerpause gehen könnten. Aber es wäre nichts für das Endergebnis bedeuten."

Obwohl Lewis den Ungarn GP schon fünf Mal gewonnen hat und er den Hungaroring sehr mag, sieht niemand im Team es als selbstverständlich an, dass dies auch mit den 2017er Autos so sein muss! Silverstone hat erneut bewiesen, dass alles passieren kann, wenn man bis an die Grenzen geht...

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