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ANALYSE: Kleine Details machen einen großen Unterschied beim Thriller in Belgien

ANALYSE: Kleine Details machen einen großen Unterschied beim Thriller in Belgien

Beim faszinierenden Kampf rund um den majestätischen Circuit de Spa Francorchamps in den belgischen Ardennen bezwang Mercedes-AMG Petronas Motorsport Ferrari. Lewis Hamilton erzielte seinen 58. Grand Prix-Sieg bei seinem 200. Start.

Lewis' 'Zahlen' sind immer beeindruckender

Lewis' 'Zahlen' sind immer beeindruckender. Eine fabelhafte Qualifying-Runde in 1:42.553 Minuten führte ihn zu seiner 68. Pole Position in der F1. Damit stellte er den Allzeitrekord des siebenmaligen Weltmeisters Michael Schumacher ein. Somit hat er etwas mehr als ein Drittel all seiner Grands Prix von der Pole Position aufgenommen! Sein Sieg/Start-Verhältnis liegt jetzt bei 29 Prozent (Schumachers lag bei 29,7 Prozent). Nur Juan Manuel Fangio, Alberto Ascari und Jim Clark gelangen höhere Prozentzahlen - alle aus Zeiten mit weniger Rennen.

Es war ein emotionaler Moment für Lewis nach dem Qualifying, als Ross Brawn ihm eine Glückwunschbotschaft von Corinna Schumacher im Namen von Michaels Familie überbrachte.

 

"Ich erinnere mich daran, als ich 1996 zu meinem ersten Grand Prix hierherkam und sah, wie Michael aus Kurve 1 herausfuhr", blicke Lewis zurück. "Der Motor hat meinen Brustkorb beben lassen, das war unglaublich. Da hat meine Liebe zum Sport einen weiteren Schritt gemacht. Daran zu denken, dass wir jetzt bei den Poles gleichauf liegen... das ist surreal und eine Erfahrung, die einen sehr demütig werden lässt. Michael ist eine unglaubliche Leistung gelungen und ich bin sehr stolz, dort oben mit ihm zu stehen."

Die Pole Position war grundlegend für Lewis' fünften Sieg 2017. Wenn Mercedes vor der F1-Sommerpause Ferrari auf dem High-Downforce-Kurs von Budapest  härter gefordert hat als es viele erwartet hatten, dann war es in Spa, der längsten Strecke im F1-Kalender, umgekehrt. Die gängige Meinung lautete, dass die Silberpfeile dort einen Vorteil genießen würden. Der Weltmeisterschaftsführende Sebastian Vettel zeigte eine beeindruckende Rennpace im 2. Training am Freitagnachmittag. Danach qualifizierte er sich nur 0,24 Sekunden hinter Lewis für die erste Reihe.    

'Die Balance des Autos fühlte sich sehr gut an'

Für Valtteri war Spa während seiner Williams-Tage ein gutes Pflaster mit einem Top-3-Ergebnis im Qualifying sowie einem Podestplatz. Doch diesmal stellte der 7 Kilometer lange Kurs eine Herausforderung für Valtteri dar. Er musste hart dafür arbeiten, um sich als Dritter zu qualifizieren, mit etwas mehr als einer halben Sekunde Rückstand auf Lewis.

"Die Balance des Autos fühlte sich sehr gut an", sagte er. "Es fehlte einfach insgesamt der Grip und in den Highspeed-Kurven im zweiten Sektor habe ich viel Zeit verloren. Es wäre schön gewesen, mindestens Zweiter zu sein. Aber Sebastian kam uns zuvor."

Das Fahrzeug-Setup besteht in Spa immer aus einem Kompromiss zwischen geringerer Downforce für höheren Speed auf den Geraden im ersten und letzten Sektor der Runde sowie etwas mehr Flügel für besseren Grip durch den kurvenreichen Mittelsektor hindurch. Geht man auf der Suche nach höherem Topspeed zu weit, riskiert man einen zu starken Reifenverbrauch im Mittelsektor. Das musste sorgfältig bedacht werden, weil Pirelli die drei weichsten Mischungen aus seiner Auswahl nach Belgien brachte.     

Es war wichtig, dass Lewis seine Pole Position umsetzen konnte, als die Startampeln am Sonntagnachmittag erloschen. Er durchquerte die La Source-Haarnadel als Führender und verteidigte seinen Vorteil durch die fantastische Eau Rouge hindurch bis zur langen Kemmel-Geraden rein in Les Combes. Offenkundig sollte es allerdings kein einfacher Nachmittag werden: nach den ersten paar Runden teilte Vettel am Funk mit, dass er Lewis recht komfortabel folgen konnte. 

Den Undercut zu verteidigen, war die vorrangige Erwägung des Teams

Pirelli sagte vor dem Rennen voraus, dass eine Ein-Stopp-Strategie mit einem Wechsel von UltraSoft auf den Soft-Reifen vermutlich die optimale Strategie darstellt. Deshalb war es wichtig, sich gegen einen möglichen Undercut von Ferrari zu verteidigen. Nach dem ersten Viertel der Gesamtdistanz (11 von 44 Rennrunden) war Valtteri angesichts der Pace der Führenden Dritter mit fast acht Sekunden Rückstand zu Lewis. Dieser hatte einen Vorteil von 19,9 Sekunden auf den fünftplatzierten Red Bull von Daniel Ricciardo. Am Ende der folgenden Runde bog Lewis in die Boxengasse ab, nachdem er Vettel im ersten Stint erfolgreich aus dem DRS-Fenster herausgehalten und das notwendige Boxenstoppfenster von 18 Sekunden zu Ricciardo aufgebaut hatte. Das Team hatte das Gefühl, dass er in dem Bereich lag, das Rennen auf einem einzelnen Satz der Softs beenden zu können.   

Den Undercut zu verteidigen, war die vorrangige Erwägung des Teams - es gab jedoch ein paar potenzielle Fragezeichen. Zunächst müsste Lewis 32 Runden auf der Soft-Mischung von Pirelli zurücklegen. Zweitens könnte Ferrari Räikkönen - mit einem verlängerten Vertrag und 6 Sekunden vor Ricciardo - dazu nutzen, Lewis einzubremsen. Das Team war jedoch zuversichtlich, dass Lewis genügend Speed auf den Geraden hat, um mit diesen Möglichkeiten zurechtzukommen.

Nach einem erstklassigen Boxenstopp, dem schnellsten des Nachmittags (22,03 Sekunden insgesamt in der Boxengasse gegenüber der nächstbesten Zeit von Vettel bei Ferrari mit einer 22,44 zwei Runden später), blieb der Status quo an der Spitze erhalten. Zum Ende der 15. Runde hatte Lewis einen Vorsprung von zwei Sekunden auf Vettel. Beide Autos fuhren auf den gelben Pirelli-Softs. Valtteri wurde unterdessen eine Runde nach Lewis an die Box gerufen. Er vergrößerte seinen Vorsprung auf Räikkönen, der zwei Runden später stoppte, auf zehn Sekunden. Eine mögliche Bedrohung durch den zweiten Ferrari wurde vorübergehend gestoppt, als Räikkönen eine Durchfahrtsstrafe bekam, weil er die gelben Flaggen bei Verstappens stehendem Auto nicht respektierte. Dadurch musste er zwei Runden später noch einmal stoppen.   

'Warum ist das Safety Car draußen?'

Räikkönen kam später zurück ins Spiel, als es bei einem weiteren Kontakt zwischen den Force India-Fahrern Esteban Ocon und Serio Pérez zu einem Reifenschaden bei Letzterem kam. Dadurch verstreute der Mexikaner Trümmerteile entlang der Kemmel-Geraden und löste ein Safety Car aus.

Obwohl der Mercedes-AMG GT S zweifelsohne eine Schönheit ist, war er zu diesem Zeitpunkt kein willkommener Anblick für Lewis!

"Warum ist das Safety Car draußen", fragte er am Teamfunk. "Da sind quasi keine Trümmerteile..."

Das Safety Car ging genau zu dem Zeitpunkt auf die Strecke, als sich die Unschlüssigen über eine Ein- oder Zwei-Stopp-Strategie entscheiden mussten und traf die Entscheidung damit für sie. Red Bull hatte sich schon auf eine Zwei-Stopp-Strategie festgelegt, als Ricciardo bei seinem ersten Stopp auf die SuperSofts von Pirelli gesetzt wurde. Wahrscheinlich war aber, dass das Team mit Lewis einmal und mit Valtteri zweimal gestoppt hätte.

Der Silberpfeil mit der Startnummer 77 hatte höheren Reifenabbau als Lewis, der zur Zeit des Safety Car nur 1,9 Sekunden Vorsprung auf Vettel hatte. Aber Lewis hatte ebenfalls eine leichte Blasenbildung am rechten Hinterreifen und der Kommandostand war bekümmert, dass dieser gewechselt werden müsste. Trotz der Rennführung befand sich das Team ziemlich in der Defensive. 

'Ohne wäre es ein unangenehmeres Rennen gewesen'

Das Problem, wenn Vettel auf zwei Stopps gegangen wäre: Da er durchweg innerhalb von zwei Sekunden zu Lewis lag, wäre der Abstand nicht groß genug gewesen, um ihn abzudecken. Mit einem Stopp in der folgenden Runde hätte er möglicherweise die Position auf der Strecke verlieren können. Aber Vettels Soft-Mischungen von Pirelli waren ein paar Runden frischer. Lewis hätte sich bis zum Ende des Rennens verteidigen und dabei versuchen müssen, ihn aus dem DRS-Fenster herauszuhalten.

Das Safety Car löste dies, stellte das Team aber vor ein anderes Problem, wie Lewis sehr wohl bewusst war. Während Ferrari noch einen neuen Satz der UltraSofts hatte, war das bei Mercedes nicht der Fall. Im Q2 des Qualifyings hatte das Team zwei Sätze der UltraSofts eingesetzt - Ferrari nur einen. Man könnte argumentieren, dass diese beiden Runs im Q2 Lewis das Gefühl gegeben haben, um die Pole Position zu holen, die ihm die wichtige Streckenposition am Sonntag bescherte - aber jetzt musste er sich beim Re-Start gegen einen Ferrari auf schnelleren Reifen verteidigen...

"Ohne (das Safety Car) wäre es ein unangenehmeres Rennen gewesen, denn wir hätten entscheiden müssen, ob wir Lewis mit der Blasenbildung am rechten Hinterreifen an die Box holen", bestätigte Toto Wolff. "Es war nicht kritisch, aber es waren noch 14 Runden übrig und hätte uns und Lewis in eine sehr schwierige Situation gebracht. So ärgerlich das Safety Car auch aussah, war es rückblickend zu diesem Zeitpunkt optimal für uns und das Team." 

Zu dieser Zeit waren solche Gedanken allerdings nicht das Wichtigste in Lewis' Kopf. Seine Reifentemperaturen auf den gelben Softs von Pirelli fielen hinter dem Safety Car ab und er musste erwägen, sich gegen Vettel auf UltraSofts zu verteidigen, die anfangs mehr als zwei Sekunden schneller auf einer Runde waren! Der Re-Start würde am wichtigsten werden.

'Das hat mir sehr gut gefallen'

Als das Safety Car reinkam, erhielt Lewis einen ordentlichen Vorsprung auf Vettel, indem er hart durch Blanchimont, die schnelle Linkskurve vor der letzten Schikane, beschleunigte. Er wählte aber den falschen Motorenmodus, sodass der Ferrari einmal mehr dran war, als sie aus der La Source-Haarnadel runter in Richtung Eau Rouge fuhren. Das stellte sich schließlich als ein Segen heraus, wie Lewis erklärte.  

"Zunächst fühlte es sich wie ein Fehler an, aber tatsächlich war es eine gute Sache. Wenn ich mit dem Vorsprung in die erste Kurve gefahren wäre, hätte Sebastian auf den weicheren Reifen das Momentum gehabt, um wirklich aus der Kurve herauszuschießen und einen sehr guten Windschatten zu bekommen. Es hat also perfekt funktioniert."

Es waren aber auch nicht wenig taktische Fähigkeiten gefragt.

"Die Gerade runter [zwischen La Source und Eau Rouge] nahm ich auch ein bisschen Gas raus, um ihn hinter mir zu halten. Wenn er weiter weg gewesen wäre, hätte er die Chance gehabt, das Momentum zu übernehmen und aus dem Windschatten heraus zu überholen. Und das wollte er, also habe ich es ihm nicht gegeben. Auf dem Weg hoch in Eau Rouge gab ich volle Power und er hatte keinen Platz, um wirklich nach vorne zu kommen. Er zog einfach neben mich und das hat mir sehr gut gefallen."

'Es war ein cooler Kampf'

"Es war ein cooler Kampf. Danach waren es neun oder zehn Qualifyingrunden - schwere, schnelle Runden. Er war sehr schnell und ich musste ein paar sehr schnelle Runden fahren, um davor zu bleiben. Ich habe nur gedacht: Ich will dieses Rennen gewinnen. Ich bin hierhingekommen, ich habe dir gesagt, warum ich hierherkomme und ohne das gehe ich nicht weg. Das war wirklich ein Gefühl von Aggressivität."

Für Valtteri lief der Re-Start etwas anders. Wie Lewis, war er auf Pirellis Soft-Mischungen unterwegs und sah sich Angriffen von Ricciardo und Räikkönen gegenüber. Beide waren auf den Ultra-Softs. Da Valtteri den gesamten Nachmittag Probleme mit der Traktion aus der La Source Haarnadel heraus hatte, erwischten sowohl der Red Bull als auch der Ferrari einen besseren Ausgang auf den weicheren Reifen. Auf der Spitze des Hügels vor Les Combes überholten sie ihn auf beiden Seiten und setzten ihn auf den fünften Platz zurück.  

"Am gesamten Wochenende fehlte mir ein bisschen Pace. Es war aber schwierig zu sehen, wo ich sie verloren habe", führte Valtteri aus. "Als ich hinter Kimi war, konnte ich sehen, dass ich aus der letzten Kurve sowie aus Kurve 1 heraus auf jeden Fall an Traktion verlor. Und hinter dem Safety Car hatte ich das Gefühl, dass ich die Soft-Reifen einfach nicht ins Fenster bringen kann. Es wurde schlechter und schlechter. Ich hatte Probleme mit den Temperaturen und es fühlte sich an wie auf Eis zu fahren."

Das unmittelbare Ziel ist ein weiterer Sieg in Ferraris Hinterhof in Monza

"Beim Re-Start hatte ich eine schwache Kurve 1 - insgesamt schlechter Grip, schlechte Traktion, ein schlechter Ausgang auf die Gegengerade. Und dann kamen die Jungs auf beiden Seiten an. Ich habe versucht, vor Kurve 5 spät zu bremsen, konnte das Auto aber nicht stoppen und fuhr geradeaus. Es dauerte eine weitere Runde, um die Reifen irgendwie ans Arbeiten zu bekommen. In den letzten paar Runden fühlte es sich wieder in Ordnung an. Ich bekam den Soft-Reifen zu Beginn des Stints einfach nicht ans Laufen. Die Jungs mit den UltraSofts hatten beim Re-Start die Oberhand. Ich bin sehr enttäuscht, das Podium verloren zu haben. Und wenn dich zwei Jungs in einer Kurve überholen, ist das kein schönes Gefühl..."  

Für Lewis und das Team war es ein tolles Gefühl, den Abstand in der Fahrer-Meisterschaft zu verkürzen und den Vorsprung auf Ferrari in der Konstrukteurs-Meisterschaft um fünf Punkte auf 392 zu 348 auszubauen. Aber niemand gab sich nach Belgien irgendwelchen Illusionen hin. Auf einer Strecke, auf der die Silberpfeile im Vorteil sein sollten, wurde jede Unze von Lewis' großartigen Fähigkeiten und taktischem Verständnis benötigt, um Vettel und Ferrari im Qualifying und Rennen zu überwinden. Eine der wirklich epischen F1-Saisons ist zu 60 Prozent komplett - und jeder in Brackley, Brixworth und Stuttgart weiß, wie anstrengend die verbleibenden 40 Prozent werden! Das unmittelbare Ziel in wenigen Tagen ist ein weiterer Sieg in Ferraris Hinterhof in Monza.  

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