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ANALYSE: Lewis glänzt beim Marina Bay-Wahnsinn

ANALYSE: Lewis glänzt beim Marina Bay-Wahnsinn

Die Kombination aus einem Start-Unfall, dem beide Ferrari zum opfer fielen, sowie einer brillanten Leistung von Lewis Hamilton und Valtteri Bottas verwandelte ein schwieriges Wochenende für das Team in einen durchschlagenden Erfolg.

'Es scheint wie unser jährlicher Weckruf zu sein'

Ein erster und ein dritter Platz für Lewis und Valtteri bedeutet, dass der Brite seine Führung in der Fahrer-WM auf 28 Punkte ausbauen konnte. Sein finnischer Teamkollege liegt unterdessen nur noch 23 Punkte hinter Sebastian Vettel auf WM-Rang drei.

Im Vorfeld schien es relativ klar zu sein, dass die 23 Kurven des Marina Bay Street Circuit eher Ferrari-Land waren. Die Strecke verlangt nach hohem Abtrieb, was den Stärken der Mannschaft aus Maranello ebenso in die Hände spielen sollte wie Monaco und Budapest. Jedenfalls sah es so nach dem Qualifying aus. Während Ferrari es nicht schaffte, beide Autos in die erste Reihe zu stellen, wie es ihnen in Monaco und Ungarn gelungen war, fuhr Vettel dennoch eine überzeugende Pole vor den beiden Red-Bull-Fahrern und Teamkollege Kimi Räikkönen ein. Die Silberpfeilen fanden sich in der dritte Reihe wieder.

"Es scheint wie unser jährlicher Weckruf zu sein", sagte Toto Wolff am Samstagabend. "Und es liegt wahrscheinlich am Konzept des Autos."

Während der Abstand nicht so schockierend war wie in Singapur 2015 (damals waren es 1,42 Sekunden), trennten Lewis dennoch 0,63 Sekunden von Vettel - obwohl Lewis außergewöhnlich gut gefahren war.

"Es war ein richtig starkes Qualifying für mich", sagte er. "So stark wie manche Pole-Runde, die ich gefahren bin. Wir kämpften in Q1 und Q2 ums Überleben und ich holte auf jeder runde alles heraus. Uns fehlte einfach viel Grip."

Das Team wechselte zurück zur Basis vom Freitag

Obwohl Valtteri neben Lewis in Reihe drei stand, trennten die beiden beinahe 0,7 Sekunden. Nachdem er am Freitag mit dem Heck seines Autos zu kämpfen hatte, nahm das Team über Nacht viele Veränderungen vor. Aber selbst eine halbe Stunde vor Schluss des 3. Trainings am Samstag hatte Valtteri noch Probleme.

"Sollen wir zu dem zurückgehen, wo wir gestern waren, oder von hier aus weitermachen?", lautete die Frage.

"Gute Frage…", antwortete Valtteri.

Das Team wechselte zurück zur Basis vom Freitag, nahm weitere Veränderungen und Valtteri konnte die etwas unerwarteten Angriff von Renault und McLaren-Honda abwehren, um sich den Platz an der Seite von Lewis zu sichern.

Die Rennvorbereitung am Freitagnachmittag deutete darauf hin, dass das Team Schwierigkeiten haben könnte, die Pace von Ferrari und Red Bull mitzugehen. Aber der Regen kurz vor dem Start spielte dem Team in die Hände. Lewis ist bei solchen Bedingungen immer zuversichtlich und Monza hat gezeigt, dass die Performance des W08 auf Intermediates sehr beeindruckend ist.

Während Red Bull 2016 auf den grün markierten Pirellis überlegen zu sein schien, scheint sich dies 2017 nicht zu wiederholen. Durch die Intermediates verändert sich die Charakteristik der Fahrhöhe des Autos, wodurch der Bereich der Reifen anders reagiert, weil die Seitenwände sich auf andere Weise verformen. Es ist möglich, dass dem W08 diese Charakteristik mehr liegt als dem RB13 von Red Bull. Deshalb erwartete das Team, dass die Fahrer in einer guten Position sein würden.

Die Wahrscheinlichkeit einer frühen SC-Phase ist hoch

Als die Reifenwärmer in der Startaufstellung abgenommen wurden, betrug die Verteilung genau 50:50 zwischen Fahrern auf Intermediates und jenen auf den blau markierten Regenreifen. Die Top-6 hatten sich jedoch allesamt für Intermediates entschieden.

Während die Rundenzeiten zu Beginn des Rennens genau am Wechselpunkt zwischen den beiden Reifentypen waren, wurde die Reifenwahl nicht so sehr vom derzeitigen Wetter als vielmehr den potentiellen Bedingungen wenige Minuten später beeinflusst. Die Informationen des Teams besagten, dass der Regen vorbeiziehen würde. Zudem ist in Singapur die Wahrscheinlichkeit für ein frühes Safety Car sehr hoch. Somit war es logisch, den Reifen zu nehmen, den man fünf oder sechs Runden später für richtig hielt. Die Intermediates waren die richtige Wahl. Für weiter hinten platzierte Fahrer hätten die Regenreifen vielleicht eine Option wert sein können.

Die ersten paar Sekunden des Rennens bestätigten tatsächlich die 100% Safety Car-Wahrscheinlichkeit der letzten zehn Jahre in Singapur. Vettel, der relativ langsam gestartet war, zog nach links in Richtung des besser gestarteten Verstappen. Allerdings kam zur gleichen Zeit ein noch besser gestarteter Räikkönen auf der linken Seite des Red Bull angebraust. Verstappen war eingeklemmt und das Ergebnis beendete das Rennen für alle drei. Verstappen und Räikkönen waren sofort draußen, während Vettel seinen Ferrari durch die ersten beiden Kurven rettete, bevor er sich auf seinem eigenen Öl drehte.

Lewis legte derweil einen guten Start hin, wählte in der ersten Kurve die Außenbahn und fand sich so in Führung wieder, nachdem er den havarierten Ferrari von Vettel überholt hatte. Unterdessen ging das Safety Car auf die Strecke. Valtteri vermied den Massenunfall vor ihm, verlor dabei aber je einen Platz gegen Hülkenberg und Perez - er lag nun auf Platz fünf.

Es erwies sich als die richtige Entscheidung

Lewis war mit Schadensbegrenzung im Sinn in das Rennen gegangen. Doch plötzlich eröffnete sich ihm eine goldene Gelegenheit, weil sein Haupt-WM-Rivale draußen war. Als das Safety Car nach vier Runden hereinkam, fuhr Lewis sofort einen Vorsprung von 3,5 Sekunden auf Ricciardo heraus. Diesen baute er bis auf fünf Sekunden aus, als Daniil Kvyat in seinem Toro Rosso abflog und in Runde elf die nächste SC-Phase heraufbeschwor.

Da die Strecke nur langsam abtrocknete, war es noch zu früh, um auf Slicks zu wechseln. Aber der Zweite Ricciardo hatte gegenüber dem Großteil des Feldes einen Vorsprung, der groß genug war, um an die Box zu fahren und sich frische Intermediates von Pirelli abzuholen. Dabei halfen ihm Hülkenberg, Perez und Palmer, die die gleiche Strategie wählten. Somit gab Ricciardo nur zwischenzeitlich seine Position an Palmer ab und war gleich wieder hinter Lewis - allerdings auf frischen Reifen. Als das Safety Car am Ende der 14. Runde wieder hereinkam, lag Valtteri, der wie Lewis nicht an der Box war, auf Platz drei - vor Sainz, Hülkenberg und Perez.

Nun brachte Lewis im Funk Bedenken zum Ausdruck, ob ein Stopp für neue Reifen nicht taktisch besser gewesen wäre. Das Team erklärte ihm jedoch sofort die Gründe für ihr Vorgehen. Erstens: Wenn Lewis als Führenden an die Box gegangen wäre, hätte Red Bull Ricciardo draußen gelassen. Auf dem Straßenkurs ist die Platzierung auf der Strecke entscheidend und man führt lieber auf gebrauchten Intermediates als Zweiter zu sein auf neuen. Zweitens: Auf abtrocknender Strecke kann es manchmal besser sein, auf gebrauchten Intermediates zu fahren. Diese sind dicker und überhitzen nicht so schnell. Das Team war mit den Rundenzeiten von Lewis und dem Zustand seiner gebrauchten Intermediates zufrieden, also ließ es ihn draußen.

Das erwies sich als die richtige Entscheidung. Sobald das Rennen wieder freigegeben war, konnte Lewis seine Führung ausbauen. Am Ende von Runde 16 betrug sein Vorsprung 2,32 Sekunden - danach wuchs er auf jeder Runde an: 2,79 Sekunden, 3,05 Sekunden, 3,41 Sekunden, 3,96 Sekunden und 4,96 Sekunden. Obwohl Ricciardo auf frischen Reifen war. Beeindruckend - und eine Bestätigung der Strategie.

Die Antwort lautete nein

Die nächste Entscheidung, die richtig getroffen werden musste, war der Zeitpunkt des Wechsels von Intermediates auf Slicks. Unter solchen Umständen gehen die Teams kein Risiko ein, sondern beachten die Sektorzeiten des ersten Autos, das gestoppt hat - in diesem Fall war das der Haas von Kevin Magnussen. Der Däne kam in Runde 24 für einen Satz UltraSoft herein.

Zu diesem Zeitpunkt zeigten die Daten des Teams, dass es noch etwas zu früh für einen Wechsel war, da die Strecke noch 0,8 Sekunden zu langsam war. Gleichzeitig musste bedacht werden, dass es ein erhöhtes Risiko ist, sobald das erste Auto auf Trockenreifen wechselt. Was wäre, wenn es zu diesem Zeitpunkt eine SC-Phase gäbe? Dann wäre nicht jeder auf Slicks und wer gewechselt hätte, würde sich einem kniffligen Szenario gegenübersehen: Einem Re-Start auf Trockenreifen, die ihre Temperatur verloren hatten.

Aus diesem Grund war es vernünftig, lieber zu reagieren als zu agieren. Ricciardo ging vier Runden später, am Ende von Runde 28, an die Box. In der gleichen Runde holte das Team Valtteri herein, bevor Lewis eine Runde später hereinkam.

Sobald beide wieder in Fahrt waren, hatte Lewis 8,6 Sekunden Vorsprung auf den Australier. Lewis fuhr nun auf den UltraSofts auf trockener Strecke. Würde er jetzt der beeindruckenden Pace des Red Bull, die das Team im 2. Training am Freitag gezeigt hatte, zum Opfer fallen?

Die Antwort lautete nein. Lewis konnte seinen Vorsprung sogar leicht ausbauen, bis Sauber-Pilot Marcus Ericsson sich in einem engen Streckenteil drehte und die dritte SC-Phase auslöste. Das Feld rückte wieder zusammen und wurde am Ende der 41. Runde wieder losgelassen. Es folgten die letzten 17 Rennrunden, denn das Rennen wurde drei Runden früher als geplant abgewunken, weil die Zwei-Stunden-Zeitgrenze erreicht wurde.

'Wir hatten definitiv Glück!'

Lewis konnte den Red Bull erneut beim Re-Start abhängen und lag nach 42 Runden 2,2 Sekunden vor Ricciardo. Nach der nächsten Runde waren es schon 4,28 Sekunden. Auf seiner 44. Runde war Lewis aber beinahe 2,5 Sekunden langsamer und seine Führung schrumpfte plötzlich auf 1,7 Sekunden. Einige vermuteten, dass das Team Lewis einbremste, um Valtteri näher an Ricciardo heranzubringen, damit es eine Chance auf einen Doppelsieg gab. Die Realität war jedoch komplexerer Natur.

In der Saison 2016 kam Ricciardo Nico Rosberg, der das Rennen gewann, auf frischen Reifen nach einem späten Boxenstopp in der Schlussphase immer näher. Das war möglich, weil er ein ausreichend großes Boxenstoppfenster hinter sich hatte. Das Team war besorgt darüber, dass Ricciardo mit Lewis mitziehen könnte, sollte dieser seine Pace an der Spitze fortsetzen. Dadurch hätte der Red-Bull-Fahrer einen Vorsprung herausfahren können, um einen weiteren Stopp einzulegen, sollten Valtteri und Carlos Sainz diese Pace nicht mitgehen können. Eine weitere Safety Car-Phase hätte dann problematisch werden können. Das Ziel war es deshalb, Lewis leicht einzubremsen.

Da es jedoch keine weiteren Dramen gab, fuhr Lewis nach einer fehlerfreien Vorstellung mit 4,5 Sekunden Vorsprung auf Ricciardo im Red Bull über die Ziellinie und holte seinen 60. Grand Prix-Sieg - seinen siebten in dieser Saison. Valtteri kam zehn Sekunden danach als Dritter ins Ziel und half dabei, den Vorsprung des Teams in der Konstrukteurs-Wertung auf 102 Punkte auf Ferrari auszubauen.

"Wir hatten heute definitiv Glück!", gab Valtteri zu. "Aber das Auto funktionierte besser als erwartet. Ich wartete wirklich auf die Gelegenheiten. Ich hätte etwas mit der Pace im Nassen zu kämpfen, aber im Trockenen war sie ziemlich gut und von Zeit zu Zeit konnte ich Daniel auch unter Druck setzen."

Woher kam die Pace?

Ricciardo verriet später, dass er ein kleines Getriebeproblem hatte, wodurch er schon früh im Rennen "short-shiften" musste. Dennoch gab er fair zu, dass dies keinen Unterschied ausmachte.

Lewis war derweil überglücklich: "Ich liebe das Fahren mehr denn je. Ich habe das Gefühl, dass ich besser denn je fahre. Ich fühle mich als Fahrer so komplett wie noch nie zuvor. Das ist ein großartiges Gefühl."

Toto sagte über den höchst unerwarteten Sieg: "Ich habe es schon vorher gesagt: An einem schwierigen Tag wünschst du dir Lewis im Auto. Das war ein weiteres Beispiel dafür. Es gab ein hohes Risiko, einen Fehler zu machen. Am Morgen sprachen wir über Schadensbegrenzung und jetzt reisen wir mit den Plätzen eins und drei ab. Aus unserer Sicht ist das ein großartiges Ergebnis. Aber sobald so etwas passiert, fühlst du etwas mit Ferrari. Ich war schon in so einer Situation und habe beide Autos verloren - ich verstehe, wie schrecklich sich das anfühlt."

Aber wo kam die Pace, die am Freitag und Samstag noch nicht da war, nun auf einmal her?

'So ist Rennsport. Man sieht, wie schnell es gehen kann'

"Wir hatten gestern nicht das schnellste Auto, aber gegen Daniel, der in Singapur im Red Bull die Messlatte ist, konnten wir bei allen Bedingungen und auf verschiedenen Reifen wegziehen. Abgesehen von Lewis wird es interessant, das zu analysieren und zu verstehen. Ich hoffe, die Jungs im Ingenieurs-Büro wissen warum!"

"Ich glaube, dass es wahrscheinlich an den Reifentemperaturen lag. Wir fuhren immer in einem Bereich, in dem wir die Reifentemperaturen unter Kontrolle hatten. Gestern war es heißer. Ich glaube, dass die Strecke heute grün war, der Grip war geringer als im Qualifying gestern und es war kühler."

Obwohl Singapur ein wichtiger Sieg trotz schlechter Chancen war, nimmt das niemand als selbstverständlich hin - obwohl es in der Konstrukteurs-Wertung gut aussieht.

"So ist Rennsport und man sieht, wie schnell es gehen kann", betonte Toto. "Es sind noch sechs Rennen und das bedeutet, es kann für uns sechs Mal so schief gehen wie für Ferrari heute. Du musst dich auf jedes einzelne Rennen konzentrieren. Wir dürfen nicht daneben langen."

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