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ANALYSE: Shanghai bestätigt spannendes Duell in der F1 2017

ANALYSE: Shanghai bestätigt spannendes Duell in der F1 2017

Lewis Hamilton erzielte beim Großen Preis von China die Pole Position und einen Start-/Zielsieg. Damit bestätigte das Rennwochenende die Andeutungen aus Australien, die darauf hinwiesen, dass Mercedes-AMG Petronas Motorsport es in dieser Saison mit Ferrari zu tun bekommt, wenn das Team seinen vierten Konstrukteurs-Titel in Folge einfahren möchte. Valtteri Bottas beendete das Rennen nach einem unglücklichen Dreher während einer frühen Safety Car-Phase auf Platz sechs. Das Missgeschick kostete ihn zehn Plätze.

Am Freitag konnte der Rettungshubschrauber wegen schlechter Sichtverhältnisse nicht am örtlichen Krankenhaus landen. Die Folge waren ein stark verkürztes erstes Training und eine abgesagte zweite Session. Somit musste die gesamte Vorbereitung für das Qualifying und das Rennen in der einstündigen Trainingssitzung am Samstagvormittag erledigt werden. Das Mercedes Team zeigte eine starke Leistung und Lewis fuhr die 63. Pole seiner Karriere ein. Gleichzeitig war es die 75. Pole für die Silberpfeile bei ihrem 150. F1 Grand Prix.

Da die Racepace von Mercedes und Ferrari ähnlich schien, erhielt das Qualifying eine zusätzliche Bedeutung, wie Lewis betonte: 'Die Pole mag nur einen Vorteil von acht Metern bringen, aber am Ende der Saison könnte es viel mehr bedeuten...' Lewis liegt nun nur noch zwei Pole Positions hinter den 65 Poles von Ayrton Senna und fünf hinter der Rekordmarke von Michael Schumacher (68).

Valtteri war nur 0,19 Sekunden langsamer als Lewis. Dennoch war er enttäuscht, noch von Sebastian Vettel im Ferrari aus der ersten Reihe gedrängt zu werden - diesmal um eine Tausendstelsekunde oder umgerechnet weniger als sechs Zentimeter...

'Lewis ist definitiv der schnellste Teamkollege, den ich je hatte', gab Valtteri zu. 'Das konnte man von einem dreimaligen Weltmeister aber wohl auch erwarten. Aber ich sehe, dass es möglich ist, mich mit ihm zu messen. Ich weiß, dass ich jetzt sehr nah dran bin und ich werde mich weiter steigern. Wir werden in Zukunft einige gute Duelle erleben. Momentan geht es darum, Punkte mitzunehmen und Schritt für Schritt voranzukommen. Ich fühle mich immer besser im Auto.'

Für den Renntag waren unvorhersehbare Wetterbedingungen vorhergesagt. Entsprechend begrüßte die Fahrer zur Startzeit eine nasse Strecke. Für die Teamstrategen bedeutete dies schwierige Entscheidungen. Lewis mag zwar die Pole geholt und danach das gesamte Rennen über geführt haben. Aber ein Sieg ist unter solchen Bedingungen niemals einfach.

Die erste Zwickmühle, der sich das Team gegenüber sah, war die Entscheidung, ob es mit den Intermediates von Pirelli starten sollte oder ob es das Risiko mit Slicks eingehen sollte. Mercedes war eines der wenigen Teams, die auf dem Weg in die Startaufstellung mit Slicks übten. Die Schlussfolgerung war klar: Angesichts der nassen Strecke, vor allem in den Kurven 14-16, stellten Slicks ein zu großes Risiko dar. Carlos Sainz, der von P11 ins Rennen ging, war der einzige Fahrer, der dieses Risiko einging. Er bezahlte den Preis dafür, als er wegen schlechten Traktion am Start weit zurückfiel und sich dann drehte.

Eine weiterer Zwischenfall auf der Startrunde, bei dem sich Lance Stroll und Sergio Pérez berührten, sorgte für eine virtuelle Safety Car-Phase. Schon wieder stand das Team vor einer kniffligen Entscheidung: Sollte es zu diesem frühen Zeitpunkt hereinkommen, um auf Slicks wechseln und damit das Risiko eingehen, nicht genügend Grip zu haben? Unter den Top-6 entschied sich nur Ferrari für diese Strategie, und zwar bei Vettel. Dieser lag auf der ersten Runde hinter Lewis: Hamilton, Vettel, Bottas, Ricciardo, Räikkönen, Kvyat.

'Ich denke, die Entscheidung war bei diesem Abstand richtig', bestätigte Lewis. 'Aber meine Intermediates waren gut und es gab keinen Grund, das Risiko einzugehen. Wenn man etwas gewinnen möchte, geht man oft das Risiko ein. Ich konnte aber weiterhin eine ordentliche Pace mit meinen Reifen fahren.'

Mehrere Fahrer hatten Schwierigkeiten, auf der Strecke zu bleiben. Daraus schlussfolgerte Mercedes, dass weitere Zwischenfälle wahrscheinlich waren. Dabei musste zwischen zwei Punkten abgewogen werden: Zum einen dem Gewinn von rund acht Sekunden bei einem Stopp unter VSC und zum anderen dem Risiko, auf Slicks von der Strecke abzukommen oder auf kalten Reifen mehr Zeit als diesen Zeitgewinn zu verlieren.

Die Zurückhaltung erwies sich in diesem Fall als die bessere Variante. Denn in Runde vier verlor Antonio Giovinazzi ausgangs der letzten Kurve die Kontrolle über seinen Sauber und verursache damit eine Safety Car-Phase. Die Folge war, dass Ferrari und Vettel nie erfahren werden, ob sich ihr Glücksspiel ausgezahlt hätte. Denn nun ging der Rest des Feldes unter normalen Safety Car-Bedingungen an die Box und verbuchte einen noch größeren Zeitgewinn. Damit lag der Australien-Sieger hinter den beiden Red Bull, Teamkollege Räikkönen und Valtteri.

Wie kostspielig das für Vettel war, lässt sich an dem problematischen Stopp von Valtteri messen, der ihn Plätze an beide Red Bull und Räikkönen verlieren sah. Dennoch blieb er vor dem Ferrari von Vettel.

'Es gab ein Problem mit dem Wagenheber und das Auto fiel auf den Boden', erklärte Valtteri. 'Einer der Jungs hob das Heck des Autos mit purer Kraft hoch!'

Als das Safety Car sich bereit machte, nach sieben der 56 Rennrunden wieder reinzufahren, kam Valtteri vom Regen in die Traufe: Plötzlich find er sich nur noch auf dem zwölften Platz wieder.

'Ich drehte mich hinter dem Safety Car, auf diesen Fehler bin ich wirklich nicht stolz', sagte er ehrlich. 'Mir wurde in Kurve 7 gesagt, dass das Safety Car hereinkommen würde. Die Gerade nach Kurve 10 war damit die letzte richtige Gelegenheit, um die Reifen auf Temperatur zu bringen. Ich versuchte, die Reifen mehr aufzuwärmen als die anderen Autos, damit ich sie beim Restart angreifen könnte. Aber ich ging zu weit. Ich rutschte etwas, überkorrigierte und drehte mich auf das Gras - ein dummer Fehler. So etwas passiert, aber es ist echt S**** wenn es dir passiert!'

'Ich kam nur langsam wieder auf die Strecke zurück und verlor dabei viel Zeit und Reifentemperatur. Später, als ich frei fahren konnte, war das Auto gut - abgesehen von ein bisschen Untersteuern, das einen recht hohen Reifenabbau vorne links verursachte. Aber das Auto war schnell und Lewis hat das bewiesen. Es war heute siegreich, also bin ich enttäuscht, nur Sechster geworden zu sein. Ich werde mir darüber aber keine Gedanken machen. Ich muss nach vorne schauen. Ich weiß, dass die Pace da ist. Wir müssen nur weitermachen und dann werden sich die Ergebnisse einstellen. Es gab die Chance, um einen Doppelsieg zu kämpfen. Ich hatte das Gefühl, dass wir heute etwas schneller als die Ferrari waren.'

Für Hamilton lief es in den Anfangsrunden gut, aber dennoch gab es noch viel zu tun und jede Menge Unbekannte zu beachten. Würden die Reifen bis zum Ende halten oder nicht? Wie würden die Teams reagieren?

Die Antworten auf diese Fragen waren der Schlüssel für die Reifenwahl. So entschied sich Mercedes bei Lewis und Valtteri für die weichen Pirelli-Slicks mit der gelben Markierung. Red Bull wählte hingegen die rot markierten superweichen Reifen für Ricciardo und Verstappen. So konnte Mercedes die Situation in den ersten Runden des Stints kontrollieren, bis sie die wahrscheinliche Entwicklung des Rennens absehen konnten.

Unter diesen Umständen, in denen der Fahrer weniger Informationen zur Verfügung hat als sein Team, ist es wichtig, ihn ständig zu informieren. Deshalb erhielt Lewis eine Funknachricht, dass die Red Bull direkt hinter ihm auf einer weicheren Reifenmischung waren, mit der es unwahrscheinlich war, dass sie damit bis ins Ziel fahren würden. Diesmal war das zwar nicht der Fall, aber solche Informationen können den Fahrer auch davor bewahren, sich zu hart zu verteidigen und einen Zwischenfall zu riskieren oder die Reifen überzubeanspruchen.

Diese Aussagen wurden durch eine Reihe von Funksprüchen zwischen Verstappen und Red Bull bestätigt. Darin ging es darum, die Reifen mehr aufzuheizen, um sie länger am Leben zu erhalten, und zwar auf beiden Sätzen der SuperSofts, die der junge Niederländer einsetzte. Das Problem war dabei also weniger der Abbau, als vielmehr die fehlende Temperatur. Der weiche Reifen, den Mercedes gewählt hatte, war belastbarer und funktionierte gut auf dem W08.

Sogar so gut, dass Hamilton sagte, er hätte mit einem einzigen Satz der weichen Mischung locker bis zum Ende fahren können. Das erwies sich jedoch als nicht nötig. Als Hamilton das Team nach 20 der 56 Runden nach einer solchen Strategie fragte, lautete die Antwort: 'Wir sind flexibel.'

'Ich hatte von Beginn an das Gefühl, dass ich die Pace hatte, um das Rennen von der Spitze weg zu kontrollieren', sagte Lewis. 'Aber ohne das Safety Car wäre es ein enges Rennen gegen Sebastian geworden, bei dem wahrscheinlich das ganze Rennen über nur ein paar Sekunden zwischen uns gelegen hätten. Unsere Rundenzeiten waren sehr ähnlich, aber das Team hat gute Arbeit geleistet, um auf die Szenarien zu reagieren. Sebastian hatte Pech und ich verstehe nicht ganz, was dahinter los war. Denn dort waren die Red Bulls und die Ferrari kamen nicht vorbei. Zu diesem Zeitpunkt war ich recht entspannt. Aber später, als Sebastian hinter mir lag, war es ein echtes Rennen, obwohl ich einen guten Vorsprung hatte.'

Wie gut Lewis das Rennen kontrollierte, lässt sich am seinen Rundenzeiten ablesen. Nach einigen Runden in den hohen 1:37er / niedrigen 1:38er Zeiten, legte er zur Rennmitte in den Runden 21-27 bei der Pace zu und fuhr mittlere 1:37er Zeiten. Zu diesem Zeitpunkt wurde er darüber informiert, dass sich Vettel bis auf Platz zwei vorgekämpft hatte.

In Runde 32 fuhr Lewis eine beeindruckende 1:36.71 - mit weichen Reifen, die 28 Runden auf dem Buckel hatten. Damit baute er seine Führung auf 12,5 Sekunden aus. Zwei Runden später ging Vettel für einen frischen Satz weicher Reifen an die Box und war 0,08 Sekunden langsamer auf seiner 'goldenen' ersten Runde. Mit mehr Temperatur in den Reifen war er vier Zehntel schneller. Mercedes holte Lewis zwei Runden später für einen Satz weicher Reifen herein. Sobald er wieder draußen und auf Speed war, war sein Vorsprung auf 0,4 Sekunden geschmolzen. Als Vettel in Runde 40 eine 1:35.423 fuhr, die schnellste Rennrunde des Ferrari, war der Abstand auf 8,26 Sekunden gesunken.

'Wie ist der Abstand von 12 auf 8 Sekunden gesunken?', fragte Lewis im Funk.

Ein Teil der Erklärung war, dass bei Vettels Stopp, Hamiltons Führung vor Räikkönen 24,2 Sekunden betrug. Das war nur knapp die Zeit, die er für einen Stopp benötigte. Nach dem Problem mit dem Wagenheber bei Valtteri entschied das Team, dass es keinen perfekten Stopp anpeilen sollte. Es wollte das Risiko vermeiden, hinter dem zweiten Ferrari herauszukommen, sollte etwas schiefgehen. Sobald das Boxenstoppfenster erreicht war, machte es Sinn, Hamilton ein zweites Mal hereinzuholen. Es war jedoch besser, einen kleinen Teil des Vorsprungs auf den frisch bereiften Vettel aufzugeben, um ein besseres Fenster gegenüber Räikkönen zu haben.

Während es nur natürlich war, dass Lewis in der Schlussphase auf Vettels potentielle Pace achtete, bestätigte er Valtteris Annahme, dass der Mercedes auf dieser Strecke und bei diesen Bedingungen die Nase vor dem Ferrari hatte. So drehte Lewis in 1:35.378 Minuten die schnellste Runde des Rennens und war damit 0,05 Sekunden schneller als der Ferrari - vier Runden nachdem Vettel zum Angriff geblasen hatte. In den letzten Runden nahmen beide Fahrer Speed heraus und Lewis fuhr seinen ersten Saisonsieg 2017 mit 6,25 Sekunden Vorsprung nach Hause.

Hinter ihnen kamen die Red Bull auf die Ränge drei und vier - mit beinahe 40 Sekunden Rückstand. Beide wurden von Räikkönen eingeholt, in dessen Schlepptau Valtteri hing. Der zweite Mercedes überfuhr die Ziellinie nur 0,73 Sekunden hinter dem zweiten Ferrari. Nach seinem Dreher verlor Valtteri nur etwas mehr als 20 Sekunden auf Lewis. Während diesen 50 Runden musste er sich seinen Weg an Kvyat, Magnussen, Alonso und Sainz vorbeibahnen.

Hamilton war nach seinem 54. Grand Prix-Sieg in China überglücklich - sowohl über die gute Leistung von Fahrer und Team, als auch die Aussicht auf eine faszinierende Saison mit einem starken Gegner.

'Es ist richtig klasse, gegen Sebastian zu gewinnen, einen viermaligen Weltmeister in Bestform, der phänomenal schnell ist. Und Ferrari ist ebenfalls so gut wie schon lange nicht mehr. Das gilt natürlich auch für unser Team und ich habe das Gefühl, dass auch ich in Bestform bin. Der ultimative Kämpfer möchte immer die besten Duelle schlagen, denn wenn man dann gewinnt, ist die Genugtuung viel größer. Ich liebe diesen Kampf!'

Angesichts des engen Wettkampfes werden die Siege an das Team gehen, dessen Fahrer und Mannschaft an diesem Tag alles richtig hinbekommt. Lewis und Vettel liegen mit je 43 Punkten punktgleich an der Spitze der Fahrer-Weltmeisterschaft. Mercedes führt unterdessen mit einem Punkt Vorsprung 66:65 vor Ferrari die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft an. Es ist richtig eng. Auf geht es nach Bahrain und zu einer Herausforderung bei wärmeren Temperaturen!

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