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ANALYSE: Sportsgeist zeigt sich in Budapest

ANALYSE: Sportsgeist zeigt sich in Budapest

An einem harten Nachmittag auf dem Hungaroring hielten die Silberpfeile an ihren Grundfesten fest...

Mercedes-AMG Petronas Motorsport belegte beim Ungarn GP mit Valtteri Bottas und Lewis Hamilton die Plätze drei und vier. Das Team wusste, dass der enge und winklige Hungaroring dem Ferrari wohl besser liegen würde - und so sollte es auch kommen. Die Abstände waren dennoch sehr eng und ein Problem mit dem Funk kostete Lewis vielleicht sogar die unerwartete Chance, das Rennen zu gewinnen. Schlussendlich zeichnete sich das Rennen aber vor allem durch den gezeigten Sportsmeist zwischen den beiden Silberpfeil-Fahrern aus.

Lewis weist eine außergewöhnliche Bilanz in Budapest vor, wo er schon fünf Mal gewinnen konnte. Aber schon im Qualifying zeigte sich, dass es schwierig werden würde, den sechsten Sieg einzufahren. Beide Ferrari fuhren in die erste Reihe und dahinter belegte Valtteri, nur 0,09 Sekunden hinter dem Zweiten Kimi Räikkönen, den dritten Platz.

Pirelli brachte die superweichen, weichen und mittleren Reifenmischungen nach Ungarn mit. Der W08 erwies sich dabei als knifflig abzustimmen auf den SuperSoft Reifen, die im Qualifying zum Einsatz kamen. Das Team war mit seinen Setup-Möglichkeiten vorne und hinten am Limit. Das führte zu einem Auto, das Lewis am blinden, schnellen Eingang zu Kurve vier eiskalt erwischte, gleichzeitig aber in den Kurven 13 und 14 untersteuerte - eine ungewöhnliche Mischung. Die Ferrari-Fahrer schienen hingegen ihre Autos präziser fahren zu können. Ein neuer Heckflügel (eigentlich eine Modifikation der Barcelona-Spezifikation) half sicherlich dabei, aber nicht genug, um das springende Pferd am Sonntag zu zähmen.

Das Rennen war eine knappe Entscheidung zwischen einem und zwei Stopps. Das Team entschied sich am Samstag zu einem Stopp und benutzte die neuen SuperSoft-Reifen im Qualifying sowie neue Soft-Reifen im dritten Freien Training. Ferrari sparte hingegen weiche Reifen auf. Dies deutete darauf hin, dass sie sich vielleicht für eine Zwei-Stopp-Strategie entscheiden könnten. Ein weiterer Faktor, der das Team in Richtung eines Stopps bewegte, war die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit von Red Bull. So musste man sich gegen einen möglichen Undercut verteidigen.

Diese Gefahr hatte sich bereits auf der ersten Runde erledigt, als Max Verstappen in Kurve zwei in die Seite seines Teamkollegen Daniel Ricciardo fuhr. Damit nahm er den Australier aus dem Rennen und brockte sich selbst eine 10-Sekunden-Strafe ein, die er bei seinem Boxenstopp absaß.

Die starke Pace von Ferrari auf der ersten Runde (Vettel überquerte die Ziellinie nach der ersten Runde 4,3 Sekunden vor dem Dritten Valtteri) führte dazu, dass die Strategen des Teams weiter annahmen, Ferrari könnte eine Zwei-Stopp-Strategie anpeilen. Aber der Einsatz des Safety Cars in der ersten Runde, um den gestrandeten Red Bull von Ricciardo und dessen Ölspur zu beseitigen, veränderte das. Das Feld fuhr nun für fünf Runden hinter dem Mercedes-AMG GT S.

Als das Rennen wieder freigegeben war, setzten die Ferrari erneut eine starke Pace. Bis Runde 20 hatte Vettel einen Vorsprung von 2,6 Sekunden auf Vettel. Valtteri lag weitere 6,6 Sekunden dahinter - 2,6 Sekunden vor Verstappen - und Lewis war noch einmal zwei Sekunden dahinter. Er hing hinter dem Red Bull fest. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass der befürchtete Reifenabbau bei den sengenden Strecken-Temperaturen von 55%C nicht so schlimm wie befürchtet war. Somit erschien ein Stopp als die optimale Strategie.

Es lief aber nicht alles wie am Schnürchen für Ferrari. Vettel berichtete, dass seine Lenkung nach links versetzt war - dem war so von Anfang an, allerdings verschlimmerte sich die Situation. Gegen Runde 30, kurz vor den ersten Boxenstopps, fuhr Valtteri schneller als die Ferrari und lag nur noch 7,5 Sekunden hinter dem Führenden.

Es war wahrscheinlich, dass die Silberpfeile auf den weichen Reifen im Vergleich zu Ferrari konkurrenzfähiger waren. Somit rief das Team Valtteri nach der 30. Runde herein und zwang die Scuderia damit dazu, darauf zu reagieren und einen längeren Stint des 70-Runden-Rennens auf den härteren Reifen zu fahren. Leider verhinderte nun das Kommunikationsproblem, dass Mercedes bei Lewis auf eine andere Taktik wechseln konnte. Er kam in der Runde nach Valtteri an die Box.

"Es war ein lokales Hardware-Problem", erklärte Teamchef Toto Wolff. "Wir fanden einen Riss in einem optischen Kabel. Das führte zu dem Blindflug. Unser gesamtes Kommunikations- und Datensystem brach zusammen. Wir hatten keinerlei Kommunikation an der "Fantasy Island, wie wir es nennen, oder am Kommandostand. Kein Funk, keine Daten, kein TV-Bild. Wir bekamen es gelegentlich wieder zum Arbeiten, aber es behinderte uns schon stark. Es gab Zeiten, zu denen man etwas hören konnte und dann ging es wieder nicht - das war wirklich schwierig für uns."

"Es war ein unglaubliches Teamplay. Viele Leute in Brackley und Brixworth bildeten unser Back-up-System. Sie gaben uns riesige Mengen an Informationen durch. Teilweise sprachen sechs oder sieben unterschiedliche Leute mit James (Vowles, Chefstratege) und wir versuchten, die richtigen Entscheidungen zu treffen."

"Wenn Lewis uns früher hätte sagen können, dass sein erster Reifensatz in guter Verfassung war, hätten wir ihn vielleicht länger draußen lassen können - das hätte einen riesigen Einfluss auf das Ergebnis haben können, da es am Ende so eng mit den Ferrari zuging."

Nach den beiden Stopps der Silberpfeile in den Runden 30 und 31 reagierte Ferrari wie erwartet und holte den Führenden Vettel in Runde 32 herein. Sein Teamkollege Räikkönen kam eine Runde danach. Sobald Kimi nach Vettels Stopp freie Fahrt hatte, erzielte er einige schnelle Sektorzeiten und überholte den WM-Führenden beinahe. Das deutete auf zwei Dinge hin: zunächst, wie stark die Probleme Vettel einbremsten, und dann, dass Totos Vermutung richtig war und es das Ergebnis massiv beeinflusst hätte, wenn wir Lewis länger hätten fahren lassen können. Aufgrund des relativ geringen Reifenabbaus erschien ein Overcut als eine machbare Strategie - so war es schon in Monaco in dieser Saison.

Jetzt führte Verstappen das Rennen für zehn Runden an, da Red Bull seinen Stint so gut wie möglich verlängerte, bevor der Niederländer seine 10-Sekunden-Strafe absaß. In Runde 43 übernahm Vettel wieder die Führung. Aber die Silberpfeile fuhren auf den weichen Reifen tatsächlich schneller: Vettel, Räikkönen, Valtteri und Lewis lagen nun innerhalb von 4,5 Sekunden.

Allerdings sah sich das Mercedes-Duo dem üblichen Hungaroring-Problem gegenüber: sobald man näher kommt, rutschen die Reifen in der letzten Kurvensequenz und folglich kann man den Vordermann nicht angreifen. Obwohl sich DRS als hilfreicher als noch 2016 erwies, müsste die Gerade wahrscheinlich noch 150 Meter länger sein, um eine echte Überholmöglichkeit gegen ein Auto zu bieten, dessen Reifen in ähnlicher Verfassung sind.

Da Valtteri die führenden Ferrari nicht unter Druck setzen konnte, fragte Lewis via Funk: "Ich habe mehr Pace. Ich kann Valtteri überholen und ihn vorbeilassen, wenn ich die Ferrari nicht bekomme."

An dieser Strategie versuchte sich das Team danach. Valtteri wurde langsamer, fuhr in Kurve eins weit nach draußen und erlaubte Lewis so, in Runde 46 vorbeizugehen. Jetzt waren noch 24 Runden zu fahren. Obwohl er bis ins DRS-Fenster herankam, fand Lewis aber auch keinen Weg, um in der letzten Kurve nah genug dran zu sein, um in Kurve eins einen Angriff zu starten.

Hinter ihm konnte Valtteri nicht dran bleiben. Zu Beginn der letzten Runde hatte er beinahe acht Sekunden Rückstand. Dafür gab es eine Reihe an Gründen. Valtteris Reifen waren schmutzig, nachdem er Lewis vorbeigelassen hatte. Dadurch verlor er beinahe drei Sekunden auf einer Runde. Er wusste zudem, dass er auf seine Reifen achten musste, da Verstappen hinter ihm durch seinen späteren Stopp zwölf Runden frischere Reifen hatte. Und drittens erwiesen sich die Überrundeten bei den drei führenden Autos mehr als Gentleman als beim Finnen.

"Nachdem wir die Positionen der Autos getauscht hatten, dachte Valtteri, dass er auf seine Reifen achten musste, um für Verstappen gewappnet zu sein", bestätigte Toto. "Aber das war falsch. Rückblickend hätten wir ihn früher ermutigen sollen, an Lewis dran zu bleiben, denn die Reifen waren bis zum Ende des Rennens gut. Außerdem hatten wir ihm gerade seinen dritten Platz weggenommen und er war sich nicht sicher, ob er ihn zurückbekommen würde. Ich glaube, dass dies mental eine Rolle spielte. So gut Valtteri ist, wenn man ein paar Strecken im Kalender heraussuchen soll, auf denen Lewis einfach unglaublich ist, dann gehört diese dazu. Deswegen hat er so oft in Ungarn gewonnen - er ist hier einfach fantastisch."

Als die letzte Runde begann, lag Verstappen nur 1,5 Sekunden hinter Valtteri. Nun hatte das Team die berechtigte Sorge, dass ein Versuch, die Positionen zwischen Lewis und Valtteri zu tauschen, zu einem Ausrutscher führen könnte, sodass sie einen Platz an Verstappen verlieren.

"Wir hatten eine lange interne Diskussion darüber, wie wir das Manöver durchführen sollten, den Verstappen kam immer näher", bestätigte Toto. "Wir wollten das Podium oder Platz vier unter keinen Umständen verlieren. Also gaben wir Lewis die Abstände durch, diskutierten über die richtige Stelle, wo er Valtteri durchlassen könnte, und entschieden, dass es wohl in der letzten Kurve auf der letzten Runde sein musste, um dadurch die Überholmöglichkeiten für Verstappen zu limitieren. Er ließ sich zurückfallen und es gab keine Diskussion. Es war ein rein sportliches Verhalten, ähnlich zu dem, was Valtteri vorher getan hatte."

Der Positionstausch kostete Lewis drei Punkte im Duell mit Vettel, der seine Führung in der Fahrer-WM auf 14 Punkte ausbauen konnte. Es wird sicherlich Leute geben, die das Fairplay von Mercedes in Frage stellen. Toto erklärte derweil die Gründe dahinter.

"Diese Werte haben uns sechs Weltmeisterschaften gewonnen und damit werden wir in den kommenden Jahren noch viele mehr gewinnen. Es hat uns (Lewis) drei Punkte gekostet und möglicherweise die Weltmeisterschaft - das ist uns absolut bewusst. Nichtsdestotrotz ist es die Art und Weise, wie die Fahrer und das Team agieren. Wir halten uns an unser Wort. Wenn die Folgen dessen sind, dass wir die WM verlieren, dann nehmen wir das hin. Langfristig betrachtet ist dieser Ansatz besser, als es anders herum zu machen. Es war eine harte Entscheidung und glaubt mir, wahrscheinlich die schwierigste, die wir in den letzten fünf Jahren zu treffen hatten."

"Wir fahren nicht im Kreis, weil uns das so viel Spaß macht. Wir machen es, um unsere Marke zu bewerben und mehr Autos zu verkaufen. Es ist ein langfristig angelegtes Projekt. Wenn du hierher kommst und denkst, nur das zählt, dann liegst du falsch. Wir haben schon erlebt, welche Auswirkungen die Reaktionen auf die Marke haben können, wenn man rücksichtslose und kaltblütige Entscheidungen trifft. Es geht darum, das Richtige zu tun und es auf die richtige Art und Weise zu tun. Manchmal ist es hart, es richtig zu tun und zu seinen Werten zu stehen. Und so war es heute, glaubt mir das."

Valtteri sah durch die Entscheidung den gegenseitigen Respekt zwischen ihm und Lewis sowie sein Standing innerhalb des Teams bestärkt.

"Wir haben als Team versucht, die Positionen zu tauschen, aber Lewis kam auch nicht an ihnen vorbei. Wir haben keine Punkte gewonnen, aber ich bin froh, dass wir es zumindest probiert haben. Mir wurde versprochen, dass Lewis mich wieder vorbeilassen würde, wenn es nicht funktionieren würde. Aber Lewis und das Team hielten ihr Versprechen und wir wechselten die Plätze auf der letzten Runde wieder. Ich glaube nicht, dass jeder Teamkollege das im WM-Kampf machen würde. Das war sehr nett von ihm und es zeigt, dass er ein echter Teamplayer ist."

Lewis unterstützte die Vorgehensweise ebenfalls. "Ich möchte die Weltmeisterschaft auf die richtige Art und Weise gewinnen", bestätigte er. "Ich weiß nicht, ob mich das noch in den Hintern beißen wird, aber wie ich schon zu Beginn des Jahres gesagt habe: Ich möchte auf die richtige Art und Weise gewinnen und ich denke, das war heute der richtige Weg."

"Ich war aus irgendeinem Grund heute schneller und es ist eine Art Grauzone. Wenn er mich vorbeilässt, ich ihn mitziehe und wir nur zwei Sekunden auseinanderliegen, dann ist es viel einfacher, ihn wieder vorbeizulassen. Ich war sieben Sekunden vor ihm und das brachte das Team in eine schwierige Position. Aber es zeigte, dass ich zu meinem Wort stehe und auch, dass ich ein Teamplayer bin. Wir haben uns heute als Einheit präsentiert. Wenn man im Leben Gutes tut, widerfährt einem auch Gutes. Hoffentlich zahlt sich das also irgendwann für uns als Team aus."

Das Ergebnis war also positiv für die Einstellung beider Fahrer. Jetzt geht es für die F1 in die vierwöchige Sommerpause, bevor dieses epische WM-Duell mit Ferrari in die zweite Halbzeit geht.

Trotz des Ferrari-Sieges hat Mercedes-AMG Petronas Motorsport noch immer 39 Punkte Vorsprung in der Konstrukteurs-Wertung. Nach der Pause geht es für die F1 nach Spa und Monza - beide Strecken sollten den Silberpfeilen mit ihrer Charakteristik besser liegen als Budapest.

"Ich glaube wirklich, dass wir den Titel gewinnen können", sagte Lewis. "Aber dafür muss jeder 100% Einsatz bringen. Ich werde das Team ermutigen, noch stärker zurückzukommen und auch ich werde noch stärker zurückschlagen."

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