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ANALYSE: WM-Kampf kocht in Aserbaidschan über

ANALYSE: WM-Kampf kocht in Aserbaidschan über

Valtteri Bottas und Lewis Hamilton belegten beim Aserbaidschan Grand Prix die Plätze zwei und fünf. Das Hauptthema des Rennens war eine kontroverse Berührung zwischen den beiden WM-Führenden - Lewis und Scuderia Ferrari-Fahrer Sebastian Vettel.

Dieses Jahr holten wir das alles nach. Und wie!

Das Debütrennen in den Straßen von Baku 2016 verlief entgegen den Erwartungen ohne Zwischenfälle. Das diesjährige Rennen holte das aber alles nach. Und wie! Wenn man aber an dem Drama des achten WM-Laufs vorbeiblickt, zeigte das Team eine starke Performance und baute seinen Vorsprung in der Konstrukteurs-WM auf Ferrari auf 24 Punkte aus.

Die Pirelli-Reifenwahl für Baku (SuperSoft, Soft und Medium) wurde zu einem Zeitpunkt getroffen, als das Unternehmen noch relative wenige Daten hatte. Entsprechend fiel sie konservativer aus. Zusammen mit der rutschigen Streckenoberfläche mit wenig Grip bedeutete dies, dass nur drei der 20 Fahrer am Freitag keine Gelbphase auslösten!

Die Reifen auf einer Qualifying-Runde zum Arbeiten zu bekommen war erneut eine Herausforderung - so wie zuvor schon in Sotschi und Monaco. Lewis und Valtteri gaben am Freitag zu, etwas verloren zu sein, obwohl sie eine konkurrenzfähige Rennpace hatten.

Das Team leistete über Nacht ausgezeichnete Arbeit und ging diese Situation an. Das Ergebnis: Am Samstag standen beide Silberpfeile in der ersten Reihe - noch vor dem Dritten Kimi Räikkönen im Ferrari. Für diese Leistung erntete das Team viel Lob von Lewis und Valtteri. Erschwert wurde die Aufgabe in Q3 durch den Abflug von Daniel Ricciardo in Kurve sechs - und zwar nur dreieinhalb Minuten vor dem Ende. Dadurch mussten die Fahrer im letzten Run mit nur einer fliegenden Runde auskommen. Bis dahin war jeweils eine zusätzliche Runde genutzt worden, um die Reifen optimal vorzubereiten.

'Wenn man Montreal-Runde etwas Besonderes war, dann war diese noch besser!'

Bis zu diesem Zeitpunkt führte Valtteri die Zeitenliste an. Doch als es dann darauf ankam, schüttelte Lewis eine seiner fantastischen Qualifying-Runden aus dem Ärmel und holte seine 66. F1-Pole. Er schlug Valtteri um 0,43 Sekunden. "Wenn man Montreal-Runde etwas Besonderes war, dann war diese noch besser!", sagte Lewis überglücklich.

Der Weg bis zur ersten Kurve ist in Baku mit 200 Metern relative kurz. Entsprechend verteidigte Lewis seine Pole nach dem Start. Valtteri kam derweil unter Druck von Räikkönen, der ihn in Kurve zwei außen herum überholte.

"Es gab nur sehr wenig Raum für zwei Autos und ich hatte keine andere Wahl als über den Kerb zu fahren. Das Auto springt dort immer und ich berührte leider erneut Kimi. Aber es war ein Rennunfall", erklärte Valtteri.

Die Rennkommissare untersuchten den Vorfall, kamen aber schlussendlich zur gleichen Ansicht wie der Finne. Valtteri hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen teuren Preis dafür bezahlt. Er lag eine Runde zurück und musste mit einem Reifenschaden an die Box zurückkriechen. Lewis war hingegen in Top-Form und führte nach fünf Runden mit 3,2 Sekunden Vorsprung vor Vettel.

Nach zwölf Runden gab es die erste Safety Car-Phase des Rennens, weil Daniil Kvyats Toro Rosso auf der Strecke stehengeblieben war. Mit einer 1,4 Meilen langen Geraden ist es für den Führenden eine große Herausforderung, seine Position beim Re-Start zu verteidigen. Denn die nachfolgenden Autos können alle im Windschatten fahren. Lewis managte die Situation jedoch perfekt. Er war vorsichtig, um nicht zu früh zu beschleunigen, als Bernd Mayländer im Mercedes-AMG GT S an die Box abbog.

'In der F1 sind wir Vorbilder für alle jungen Fahrer'

Schon bald musste er wieder von vorne anfangen, weil sich die beiden Force India-Fahrer Sergio Perez und Esteban Ocon berührt hatten. Kurz vor diesem zweiten Re-Start ereignete sich die Kontroverse zwischen Lewis und seinem Titelrivalen Sebastian Vettel. Lewis wurde ausgangs Kurve 15 von Vettel von hinten getroffen. Dieser fuhr danach verärgert neben Lewis, gestikulierte und schien dann scharf in das linke Vorderrad von Lewis hineinzufahren.

Teamboss Toto Wolff sagte: "In einem Rennauto kochen die Emotionen hoch. Das haben wir schon in der Vergangenheit erlebt. Wenn das Visier unten ist, nimmst du die Dinge anders wahr. Das ist die einzige Erklärung, die ich dafür habe. Ich will Sebastian nicht in Schutz nehmen. Aber ich denke, die einzige Erklärung ist, dass er glaubte, Lewis würde ihn auflaufen lassen wollen. Was er nicht gemacht hat. Das haben wir an unseren Daten gesehen. Das war eine Fehleinschätzung."

Vettel erhielt für den Vorfall eine 10-Sekunden-"Stop-and-Go"-Strafe. Lewis machte in einem Funkspruch an Renndirektor Charlie Whiting deutlich, dass er diese Strafe für nicht ausreichend erachtete.

"Wenn ein Fahrer das absichtlich macht, dann muss man über das Strafmaß nachdenken", fügte Toto hinzu. "Weil er (Vettel) viermaliger Weltmeister ist und in der F1 sind wir Vorbilder für alle jungen Fahrer..."

'Wir sind Weltmeister - wir sind die besten Fahrer der Welt'

Lewis war derweil fest davon überzeugt, dass die Berührung mit Vettel von diesem absichtlich herbeigeführt wurde: "Es gibt keinen Grund, an dieser Stelle neben den Führenden zu fahren. Es könnte nicht klarer sein", sagte er. "Wir sind Weltmeister - wir sind die besten Fahrer der Welt. Wenn du in deinem Straßenauto gestikulierst, ziehst du vielleicht unabsichtlich etwas zur Seite. Aber uns passiert das nicht - wir fahren seit Jahren Rennen und wir machen das einfach nicht."

Zur Klarstellung nutzte Lewis dann die Gelegenheit, um den Ablauf beim Re-Start und dessen Herausforderungen noch einmal im Detail zu erklären.

"Mir wurde in Kurve sieben gesagt, dass das Safety Car hereinkommen würde, und ich nur zehn Fahrzeuglängen dahinter bleiben durfte, so lange die Lampen an sind. Eingangs Kurve 15 war ich ungefähr so weit weg und ich sah das Safety Car den Berg hinunterfahren, während die Lichter ausgingen. Der Führende gibt dann die Pace vor und zu diesem Zeitpunkt muss ich nicht beschleunigen oder Gas geben. Ich hielt eine konstante Pace oder eher eine konstante Beschleunigung aus dem Scheitelpunkt heraus. Danach habe ich nicht weiter beschleunigt. Das habe ich beim ersten Re-Start gemacht und das habe ich beim zweiten wiederholt. Aber beim zweiten Mal wurde ich von hinten angeschoben."

"Ich habe mir nichts dabei gedacht und hatte trotzdem einen richtig guten Re-Start. Auf dieser Strecke ist es sehr schwierig, seine Position auf der langen Geraden zu verteidigen. Deswegen stellte ich sicher, dass ich vorne blieb. Der erste Trick funktioniert nicht unbedingt noch einmal. Also musste ich mir etwas anderes überlegen, um sicherzugehen, dass ich in Kurve eins immer noch vorne lag. Aber das war nach Kurve 16, nicht Kurve 15."

Bald war klar, dass er ein größeres Problem hatte

Während die Safety Car-Phasen Lewis um seinen Vorsprung an der Spitze brachten, waren sie gute Nachrichten für Valtteri. Die erste SC-Phase erlaubte es ihm, sich zurück zu runden und bei der zweiten konnte er den Anschluss an das Feld schaffen. Sobald er wieder Rennspeed aufgenommen hatte, dauerte es nicht lange bis zum dritten Einsatz des Safety Cars. Diesmal weil noch immer Teile auf der Strecke lagen.

Baku ist eine sehr schnelle Strecke und das verträgt sich gar nicht gut mit scharfen Carbon-Splittern auf der Strecke. Valtteri war einer der Fahrer, die meldeten, dass sie von fliegenden Teilen getroffen wurden. Fernando Alonso forderte eine rote Flagge - eine Forderung, der der Renndirektor nach 22 von 51 Runden nachkam.

Nachdem die Autos in der Boxengasse Aufstellung bezogen hatten, gab es die Gelegenheit, ein paar Reparaturen am Diffusor von Lewis vorzunehmen, der nach der Berührung mit Vettel beschädigt war. Da die Reparatur eines der sensibelsten Bereiche am Auto, der für die aerodynamische Performance zuständig ist, aber nur eingeschränkt möglich war, musste der Führende das Rennen mit mehreren verlorenen Punkten an Abtrieb wieder aufnehmen. Das Team entschied sich dazu, auf neuen superweichen Reifen loszufahren. Vettel war direkt dahinter auf gebrauchten Reifen. Durch die neuen Reifen hatte Lewis einen viel besseren Grip. Aber er musste zunächst seine Position gegen einen Ferrari verteidigen, dessen Gummis die erwünschte Temperatur schneller erreichten. Auch diese Herausforderung meisterte Lewis.

Bald wurde klar, dass er ein größeres Problem hatte. Denn plötzlich begann seine Cockpitumrandung sich zu lösen. Lewis hielt sie ruhig in Position, während er mit einer Hand mit 220 mph im achten Gang die Gerade hinuntersauste! Aber es dauerte nicht lange, bis sich die Rennleitung meldete und ihn anwies, das Problem bei einem Boxenstopp in Runde 30 zu beheben.

'Wir müssen herausfinden, warum es locker wurde'

"Wir müssen herausfinden, warum die Cockpitumrandung locker wurde und entweder unser Design verbessern oder klären, ob es richtig verschlossen war. Noch haben wir keine Antwort darauf", erklärte Toto kurz nach dem Rennen.

Ungefähr zur gleichen Zeit wurde Vettel zu seiner Strafe hereingerufen. Ärgerlicherweise für Lewis kam der WM-Führende als Siebter direkt vor ihm wieder auf die Strecke. Beide lagen nun hinter dem fliegenden Valtteri.

Valtteri erhielt durch die vielen Dramen des Nachmittags eine zweite Chance und war fest entschlossen, diese bestmöglich zu nutzen. In Runde 37 überholte er den Haas von Magnussen im Kampf um Platz vier. Danach schnappte er sich den Force India von Ocon. Nun lag er auf einem Podestplatz. Nur der spätere Sieger Daniel Ricciardo im Red Bull und Lance Stroll im Williams waren jetzt noch vor ihm. Das Team informierte Valtteri darüber, dass er den Kanadier auf der letzten Runde einholen würde!

Die Vorhersage des Teams war in diesem Fall nicht zum ersten Mal in diesem Jahr perfekt. In einem extrem dramatischen Schlussspurt konnte Valtteri Stroll aus dem Windschatten heraus überholen und vor dem jüngsten Podestbesucher der F1 die Zielflagge sehen. Damit holte er 18 statt 15 Punkten. Zwei Sekunden hinter Stroll fuhr Vettel ins Ziel, der Lewis um 0,21 Sekunden schlug. Der Deutsche baute damit seine Führung in der Fahrerwertung auf 14 Punkte aus.

'Was für ein verrücktes Rennen!'

"Was für ein verrücktes Rennen!", gab Valtteri kopfschüttelnd zu. "Wenn du eine Runde zurück liegst, ist es schwierig, dir ein Ziel zu setzen. Aber das Auto war heute großartig. Vielen Dank an das Team. Ich habe absolut alles aus dem Auto herausgeholt und irgendwie hat es für mich geklappt!"

Die ersten sieben Rennwochenenden der Saison waren von einem gesunden Respekt zwischen Lewis und Vettel geprägt. Nun scheint es etwas hitziger zuzugehen.

"Heute haben wir eindeutig einen anderen Sebastian gesehen", stellte Lewis fest. "Ich möchte glauben, dass ich weiterhin respektvoll bleibe. Ich möchte diese WM auf die richtige Weise gewinnen. Wir haben unsere Führung in der Konstrukteurs-WM auf 24 Punkte ausgebaut. Das ist positiv. Im Allgemeinen will der Hintermann immer so nah wie möglich ran, aber ich denke, dass es eine Fehleinschätzung von ihm war. Es auf den Vordermann zu schieben, nun ja, einige Leute können ihre Fehler nicht zugeben..."

"Ich muss erst einige Zeit darüber nachdenken. Aber letztlich war es respektlos, was heute passiert ist. Solche Dinge sieht man im Go-Kart und dort lernt man, es nicht in Autos zu machen. Es ist, wie es ist. Es ist passiert. Ich denke nicht, dass es richtig war. Aber das Schlimmste für mich war, dass ich das Rennen durch das Problem mit der Cockpitumrandung verloren habe. Ich denke nur daran, mich zusammenzureißen. Ich möchte es in den nächsten zwölf Rennen wissen. Ich möchte diese Rennen gewinnen und das soll für mich sprechen."

'Der Sport braucht die Rivalität'

"Als Team können wir es positiv verbuchen. Wir haben Ferrari stark unter Druck gesetzt und es ist nicht schlecht, wenn man sieht, dass der Druck selbst die Besten von uns erwischen kann..."

Nach der gleichen Denkpause, die Lewis erwähnt hat, hatte auch Toto einige Beobachtungen gemacht: "Es gibt mehr Kontroversen und es war immer klar, dass dies passieren würde, je enger es wird. Der Respekt ist grundlegend vorhanden. Aber es sind zwei Größen ihres Sports. Die heutigen Ereignisse haben der Beziehung nciht gutgetan, aber es möchte sie ohnehin niemand schmusen sehen. Jetzt ist der Handschuh geworfen! Die Beiden teilen sich untereinander sieben WM-Titel auf. Nach ein paar Stunden wird Sebastian wissen, dass es nicht großartig ausgesehen hat..."

"Sie sind Kämpfer und derzeit befinden sie sich im Krieg - sie kämpfen um Rennsiege und den Titel. Wir haben großen Respekt vor Ferrari und ihren leidenschaftlichen Leuten. Aber für mich sollte der Vergleich zum Rugby gelten: Während des Rennens sind sie unsere Gegner und sie würden keine Gefangenen machen. Aber wir müssen nach dem Rennen dazu in der Lage sein, zusammen ein Bier zu trinken - so wie Rugby-spieler. Der Sport braucht diese Rivalität. Ich denke, dass wir heute die Zutaten für eine großartige Saison gesehen haben. Die Besten, die um Weltmeisterschaften kämpfen, können in dieser Phase ihres Lebens oder ihrer Karriere nicht immer Freunde sein. Vielleicht haben wir die Grenzen heute gesehen..."

Das Duell geht am 9. Juli in Spielberg (Österreich) weiter.

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