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ANALYSE: Strategie-Superstars glänzen in Barcelona

ANALYSE: Strategie-Superstars glänzen in Barcelona

Die Formel 1-Saison ist in Europa angekommen: Lewis Hamilton erzielte beim Spanien Grand Prix seine 64. Pole Position und seinen 55. Grand Prix-Sieg. Uns scheint eine epische Saison zu erwarten.

Die moderne F1 ist ein stetiges Entwicklungsrennen

So einfache Fakten reichen nicht aus, um die Geschichte eines weiteren spannenden Duells mit Ferrari zu erzählen, in deren Verlauf das gesamte Repertoire des Motorsports aufgeboten wurde, bevor das Endergebnis feststand: Brillante Leistungen am Lenkrad, Strategie und Teamwork und einen glücklosen Valtteri.

Obwohl die modern F1 ein stetiges Entwicklungsrennen ist, bedeuten die Vorlaufzeiten mancher Komponenten, dass in Barcelona weiterhin große Upgrades eingeführt werden. So war es auch beim Mercedes-AMG W08, der die größten sichtbaren Veränderungen im gesamten Feld erfuhr. Dazu gab es einen frischen Motor mit mehreren Zuverlässigkeitsverbesserungen und zusätzlicher Gewichtsersparnis.

Leider fand sich Valtteri nach seinem Debütsieg in Russland diesmal im Hintertreffen wieder. Schon am ersten Tag führte ein Problem mit seinem Motor dazu, dass seine Mechaniker die F1-Sperrstunde brechen mussten, um das Problem zu beheben.

Nachdem das Elektrikproblem behoben war, wurde der Motor wieder zusammengesetzt. Allerdings gab es ein Wasserleck, das nicht rechtzeitig vor dem Qualifying repariert werden konnte. Da nur ein weiterer Motor zur Verfügung stand, der die ersten vier Rennwochenenden absolviert hatte, blieb dem Team keine andere Alternative, als diesen Motor mit einer höheren Laufleistung für das Qualifying und das Rennen zu verwenden. Während sich die beiden Spezifikationen mit Blick auf die ultimative Qualifying-Performance nicht unterschieden, musste Valtteri mit einem kleineren Performance-Defizit für den Sonntag leben.

'Der Start war schön und ich konnte auf die Jungs vor mir aufschließen'

Im Q3 versuchte Valtteri etwas zu viel und nur das verhinderte, dass er eine Chance auf seine zweite Pole in dieser Saison hatte. Der Kampf mit Ferrari war erneut super eng, aber Lewis konnte Sebastian Vettel um 0,05 Sekunden schlagen. Der Ferrari-Fahrer beklagte sich hinterher über einen kleinen Fehler in der Schikane. In Barcelona ist das Überholen schon immer schwierig gewesen. Allerdings gab es dieses Jahr eine kleine Hilfe, da die DRS-Zone um 100 Meter verlängert wurde. Beide Fahrer wussten, dass der Start entscheidend war...

Lewis hatte einen Tick zu stark durchdrehende Räder und Vettel ging vor Kurve eins in Führung. Obwohl es zwischenzeitlich für Valtteri gut aussah, konnte er seinen Super-Start von Sotschi von Platz drei nicht wiederholen. Er hatte den besten Start von allen und versuchte dann, innen reinzustechen, bevor er es sich besser überlegte.

"Ich kam gut weg und holte ziemlich schnell auf die Jungs vor mir auf. Aber diesmal gab es keinen Ausweg. Ich wollte erst nach links fahren, aber dort war nicht genug Platz. Danach versuchte ich es innen, weil dort zunächst eine Lücke war. Aber dann hat sie Sebastian geschlossen."

"Eingangs Kurve eins war ich direkt hinter ihm. Aber man kann nicht so spät bremsen, wie es am besten wäre, da der Vordermann am selben Punkt bremst und du ihm sonst ins Heck fährst. Wenn du so nah dran bist und ein Auto links neben dir ist, verlierst du ein bisschen deinen Bremspunkt. Ich bremste wahrscheinlich etwas früher, dann ließ ich die Bremse wieder los und in dem Moment ging Kimi nach außen. Ich wollte jedoch kein unnötiges Risiko eingehen und riskieren, Seb oder Lewis zu treffen. Es war Pech, dass Kimi und ich kollidiert sind. Es war einfach etwas zu eng."

Die Mercedes-Strategen sahen dies als Chance an

Lewis war enttäuscht, dass er seine Pole Position nicht verteidigen konnte. Entsprechend fürchtete er, dass es nun schwierig werden würde, das Rennen gegen einen Ferrari zu gewinnen, der freie Fahrt hatte. Immerhin hatte dieses Auto in dieser Saison bereits eine fantastische Rennpace auf beiden Pirelli-Reifenmischungen gezeigt. Nachdem Vettel mit einer starken ersten Runde einen Vorsprung von 2,2 Sekunden herausgefahren hatte, ließ Lewis den viermaligen Weltmeister bis zu den ersten Stopps nie weiter als 2,7 Sekunden enteilen.

Das war wichtig für die Strategie. So lange Lewis im Undercut-Bereich des Ferrari lag, war es wahrscheinlich, dass er Ferrari zu einem früheren Stopp zwingen würde, um den Undercut zu vermeiden. Das bestätigte sich in Runde 14, als Vettel an die Box ging - während Daniel Ricciardos Red Bull noch in seinem Boxenstoppfenster war (nur 20 Sekunden hinter dem Ferrari bei einem Boxenstoppverlust von 22 Sekunden).

Die Mercedes-Strategen sahen dies al seine Chance an. Sie nahmen an, dass Vettel Schwierigkeiten haben würde, den Red Bull zu überholen und dass sie insgesamt mit Lewis Zeit gutmachen könnten - quasi mit einem "Overcut". Hätte Vettel nicht gestoppt, hätten sie stattdessen einen Undercut probiert. Das zeigt, wie eng es zwischen den beiden Teams zugeht.

Wie sich herausstellte, hatte Vettel auf einem neuen Satz weicher Pirelli-Reifen eine starke Pace. Er ging direkt an Ricciardo vorbei und fuhr in Runde 16 20,4 Sekunden hinter Lewis über die Linie. Ohne einen ausreichenden Vorsprung für einen versuchten Overcut dehnte Mercedes den ersten Stint von Lewis aus. Beim Boxenstopp in Runde 21 von 66 Rennrunden wechselte das Team dann auf die mittlere Reifenmischung. Der Gedanke dahinter war, dass er dann im späteren Rennverlauf auf der weichen Reifenmischung angreifen können würde.

'Wir änderten die Strategie und versuchten es mit einem Stopp'

Jetzt kam es auch auf Valtteri an. Er hatte während der ersten zehn Runden Zeit auf Vettel und Lewis verloren.

"Nach der Berührung mit Kimi kämpfte ich im ersten Stint richtig mit dem Auto. Wir müssen uns noch ansehen, ob das Auto okay war, aber ich glaube es nicht", erklärte er. "Der Pace-Unterschied zu den Jungs an der Spitze war viel größer als er hätte sein sollen. Also veränderten wir die Strategie und versuchten es mit einem Stopp."

Aber es life nicht für Valtteri. Eine virtuelle Safety Car-Phase schenkte Lewis und Vettel quasi einen Boxenstopp und dann gab seine alte Power Unit in Runde 39 den Geist auf und kostete Valtteri seinen vierten Podestplatz im fünften Rennen. Bis dahin war er aber noch gut im Rennen und half seinem Teamkollegen.

Das Team wusste, dass Valtteri nicht um die Spitze würde kämpfen können. Da Ricciardo hinter ihm keine echte Gefahr darstellte, führte der Wechsel auf eine Ein-Stopp-Strategie zu einem Zweikampf mit Vettel.

Als Lewis in Runde 21 an die Box kam, übernahm Valtteri die Führung. Vettel war dahinter auf frischen Reifen unterwegs und fuhr rund zwei Sekunden schneller pro Runde. Entsprechend schloss er rasch auf. Ende Runde 22 kam der Ferrari in DRS-Reichweite von Valtteri. Dieser verteidigte sich in Kurve eins und hielt den Ferrari noch zwei weitere Runden hinter sich. Vettel kostete dies vier bis fünf Sekunden. Lewis fuhr unterdessen auf den Medium-Reifen, auf denen er in dieser Phase des Rennens mehr Boden hätte verlieren müssen. Vor seinem Boxenstopp lag er 7,3 Sekunden hinter dem Ferrari. Jetzt waren es nur noch 4,2 Sekunden.

'Ich gab alles, um Sebastian hinter mir zu halten'

"Ich gab alles, um Sebastian hinter mir zu halten. Ich wollte ihn nicht vorbeiwinken", sagte Valtteri. "Das war meine Aufgabe zu diesem Zeitpunkt des Rennens. Aber der Pace-Unterschied war einfach zu groß und schlussendlich kam er vorbei. Aber ich denke, dass ich dem Team definitiv geholfen habe. Ich hoffe, dass es einen kleinen Unterschied ausgemacht hat!"

Das nächste Schlüsselelement war eine virtuelle Safety Car-Phase kurz nach der Rennhalbzeit in Runde 35. Unter normalen Umständen ist in solch einer Situation ein Boxenstopp angesagt. Aber das Timing brachte das Team am Kommandostand zum Nachdenken und vermied eine Kurzschlussreaktion.

Zum Zeitpunkt des VSC hatte Vettel 7,7 Sekunden Vorsprung auf Lewis. Er hätte vielleicht auch nicht direkt auf einen Mercedes-Stopp reagiert. Da noch 32 Runden zu fahren waren, wäre es knapp eine Stintlänge auf den weichen Reifen bis ins Ziel gewesen. Die Silberpfeil-Strategen hatten Bedenken, dass Ferrari draußen bleiben und Vettels Stint auf den weichen Reifen ausdehnen könnte. Wenn dann die weichen Reifen von Lewis gegen Rennende nachgelassen hätten, hätte Vettel mit einem größeren Delta auf seinen Medium-Reifen ihn in der Schlussphase überholen können.

Das Team wartete und verkürzte damit den letzten Stint von Lewis. Dadurch nahm es Ferrari die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Gleichzeitig gewann man etwas Zeit, indem man den Stopp direkt zum Ende des VSC absolvierte, sodass Ferrari etwas Zeit verlor, wenn sie reagierten. Eine andere Option, die in Betracht gezogen wurde, war es, Lewis auf den Medium-Reifen durchfahren zu lassen. Das wäre ein 45 Runden langer Stint gewesen. Hätte Vettel aber zuerst gestoppt, wäre das Team ihm einfach gefolgt. Deswegen machte sich die Crew auch in der Boxengasse bereit. Als Lewis vorbeifuhr, fragte er: "Was ist los, Jungs?"

'Ich ziehe meinen Hut vor James und seinen Strategen'

Die Antwort war einfach: Das Team verschaffte ihm mittels einer cleveren Strategie eine Chance auf die Führung. Sie riefen ihn in Runde 38 an die Box, als das VSC fast vorbei war, und gewannen so Zeit im Vergleich zu Vettel, als Ferrari ihn eine Runde später hereinholte. Vettel war etwas überrascht, als er aus der Box kam und seine 8 Sekunden Vorsprung verschwunden waren. Lewis flog die Gerade herunter und war neben ihm, als sie den Bremspunkt für Kurve eins erreichten!

Vettel wusste, dass es jetzt um die Wurst ging. Er verteidigte sich hart, nutzte die volle Breite der Strecke und drückte Lewis nach außen. Eine Situation, die Lewis im Funk zunächst als "gefährlich" beschrieb. Nach Rennende sagte er: "Ich vermied eine Berührung, aber es war verdammt eng. Aber es hat mir Spaß gemacht. Ich bin froh, dass ich so einen Zweikampf haben durfte und es keinen Schaden gab. Alles ist okay zwischen uns. Der Respekt ist wie zuvor auch. Ich dachte, dass er hart war und er war hart, bis ans Limit, aber nicht weiter." Es war garantiert genauso, wie es Lewis auch selbst gemacht hätte. Eben wie ein echter Racer!

Teamboss Toto Wolff war nicht ganz so überrascht wie Vettel, dass Lewis nach den Stopps in Kurve eins plötzlich neben ihm war. Dennoch war er beeindruckt: "Ich ziehe meinen Hut vor James (Vowles) und seinen Strategen. Dieser Boxenstopp war tatsächlich nicht viel schneller als der von Sebastian, aber er war perfekt getimt."

Es ging sicher aber nicht GANZ aus. Lewis hatte noch immer das rote Auto vor sich. Allerdings fuhr er jetzt auf dem schnelleren Soft-Reifen und Vettel auf Medium. Nun war es wichtig, anzugreifen, bevor er den Vorteil seiner griffigeren Reifen verlor. Fünf Runden lang steckte das Duo im Verkehr. So erhielt Vettel auf der DRS-Linie Unterstützung von Überrundeten, was den DRS-Vorteil von Lewis negierte. Ausgangs der letzten Kurve in Runde 43 war der Ferrari jedoch auf sich allein gestellt. Lewis fuhr hinter ihm und ging in Kurve eins außen herum vorbei. Das Team war begeistert.

"Keine Chance…", sagte Vettel im Ferrari-Funk. "Er fuhr wie ein D-Zug."

Der Kommandostand war sich der Gefahr bewusst

Damit war es aber noch lange nicht vorbei. Ferrari teilte Vettel mit, weiter zu kämpfen, da die Reifen von Lewis wahrscheinlich gegen Ende des Rennens abbauen würden. Die andere Option war es, Vettel 16-18 Runden vor Schluss noch einmal hereinzuholen, um ihm einen frischen Satz weicher Reifen zu geben und dann anzugreifen.

Der Kommandostand war sich dieser Gefahr bewusst, besonders da es für Vettel keinen Nachteil zu geben schien, sobald er hinter Lewis lag. Valtteri war aus dem Rennen und Ferari hatte einen riesigen Vorsprung von 50 Sekunden auf Ricciardo im Red Bull. Die beste Verteidigung für Lewis war es, einen Vorsprung auf Vettel herauszufahren, um einen eigenen Stopp machen zu können, sollte der Ferrari hereinkommen. Auf den weichen Reifen war das sicherlich möglich. Aber er riskierte damit auch, seine weichen Reifen stärker zu verbrauchen und selbst in der Schlussphase anfälliger für einen Angriff von Vettel auf den mittleren Reifen zu sein. Es war das ultimative Schachspiel!

Letztlich schlugen sich Lewis und das Team rückblickend sehr gut. Er überquerte die Ziellinie 3,49 Sekunden vor dem Ferrari, der das Rennen am Ende der ersten Runde angeführt hatte. Auf einer Strecke wie Barcelona und gegen ein Auto wie den 2017er Ferrari sowie einen Fahrer wie Vettel ist das keine schlechte Leistung!

Nachdem die Silberpfeile in den ersten drei Jahren der Hybrid F1-Ära dominiert hatten, werden sie nun ans Limit getrieben. Lewis fährt zum Beispiel ohne Trinkflasche, um Gewicht zu sparen. Vielleicht hat er diese Entscheidung verflucht, nachdem er für den Sieg in Barcelona so hart kämpfen musste!

Wenn das der Fall gewesen ist, dann ließ er es sich aber nicht anmerken.

'Das war der härteste Kampf, an den ich mich seit einiger Zeit erinnern kann'

"Das war der härteste Kampf, an den ich mich seit einiger Zeit erinnern kann...", sagte er. "Das hat mir gefallen! Vorher hatte ich nicht wirklich die Pace, um mit Sebastian mitzuhalten. Aber heute war es anders. Das ist ein Fortschritt."

Diese Worte klingen wie Musik in den Ohren der Männer und Frauen, die rund um die Uhr an den Upgrades für den W08 gearbeitet haben. Es ist auch ermutigend, dass Lewis bei hohen Temperaturen am Renntag seine schnellste Rennrunde auf dem Soft-Reifen setzte - und zwar nur zwei Runden vor Schluss. Das zeigt, dass das Team seine Reifennutzung verbessert hat, ein Bereich, in dem Ferrari zu Saisonbeginn einen Vorteil hatte.

Toto fasste es perfekt zusammen: "Das war ein episches Rennen und ich hoffe, dass der Kampf so weitergeht. So sollten Rennsport und die F1 immer sein."

Am 28. Mai erwartet die F1 eine ganz andere Herausforderung: Monte Carlo!

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