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ANALYSE: Valtteri bleibt cool und holt den Sieg in Sotschi

ANALYSE: Valtteri bleibt cool und holt den Sieg in Sotschi

Fantastische Leistung von Team und Fahrer: Valtteri Bottas sicherte sich nach drei kniffligen Tagen auf dem Sochi Autodrom in Russland seinen ersten Grand Prix-Sieg. Mercedes-AMG Petronas Motorsport übernahm unterdessen mit einem Punkt Vorsprung die Führung in der hart umkämpften Konstrukteurs-Weltmeisterschaft vor Ferrari.

Valtteri startete von Platz drei - die ersten drei Autos lagen innerhalb von 0,095 Sekunden

Spannendes Qualifying-Duell: Scuderia Ferrari bezwingt die Silberpfeile

Die ersten Anzeichen für die Herausforderung, der das Team in Russland gegenüberstand, zeigten sich im zweiten Freien Training am Freitagnachmittag. Ferrari zeigte eine großartige Pace und starke Konstanz auf den ultraweichen Reifen von Pirelli. Sie schienen auf einer Runde etwas mehr als eine halbe Sekunde schneller zu sein als die Silberpfeile.

Die Charakteristik der glatten Streckenoberfläche in Sotschi stellt die Teams stets vor eine schwierige Aufgabe, um die Vorderreifen auf Temperatur zu bringen, ohne dabei die Hinterreifen zu beschädigen. Der niedrige Reifenabbau ließ ein Ein-Stopp-Rennen erwarten, was die Strategie-Optionen stark einschränkte. Das Mercedes Team legte deshalb das Hauptaugenmerk auf den ultraweichen Reifen für das Qualifying und den ersten Stint.

Während Lewis an keinem Zeitpunkt des Wochenendes mit seiner Fahrzeugbalance besonders zufrieden war, kam Valtteri sehr nah an seine zweite Pole Position in Folge heran. Er verpasste sie nur um ein Zehntel. So schnappte sich Ferrari beide Plätze in der ersten Reihe - zum ersten Mal seit dem Frankreich Grand Prix in Magny Cours 2008.

Valtteri qualifizierte sich 0,03 Sekunden hinter seinem Landsmann Kimi Räikkönen auf Platz drei. Dafür startete er von der sauberen Seite der Startaufstellung - ein Silberstreif am Horizont für den Finnen. Sotschi weist ähnlich wie Mexiko einen ungewöhnlich langen Weg bis zur ersten Kurve (rund 800 Meter) auf. Das entspricht rund zehn Sekunden Vollgas ab dem Erlöschen der Ampeln und dem harten Anbremsen von Kurve zwei (Kurve eins wird mit Vollgas durchfahren). Dadurch kann der Windschatten genutzt werden und im Idealfall 8-9 Meter Vorteil einbringen.

Das wunderschöne Mercedes-AMG GT S Safety Car

Valtteri überholte beide Ferrari am Start

Genau darauf konzentrierte sich Valtteri. Er setzte es perfekt um, kam minimal besser weg als Pole-Mann Sebastian Vettel, fuhr neben ihn und konnte dann in Kurve zwei vor dem Ferrari die Tür schließen und in Führung gehen. Lewis startete von Platz vier, auf der schmutzigen Seite der Startaufstellung, machte aber dennoch einen guten Start und hielt seine Position.

"Ich fuhr nach links, um in den Windschatten des Autos vor mir zu kommen", erklärte er. "Kimi hatte Windschatten von den beiden Autos vor ihm. Ich war im Windschatten von Valtteri, aber dann zog Seb hinter ihn rein, deshalb konnte ich ihn nicht überholen und musste mich mit Platz vier in Kurve zwei zufrieden geben."

In Australien und Bahrain erlebte Valtteri schwierige erste Stints mit viel Benzin an Bord und den weichen Pirelli-Reifen. In Sotschi stellte sich schon bald heraus, dass es ganz anders aussehen würde. Er konnte sofort einen Vorsprung auf seinen Verfolger Sebastian Vettel herausfahren und diesen auf den ersten 15 Runden um rund 0,3 Sekunden pro Runde vergrößern. Angesichts der Long Runs vom Freitag-Nachmittag war das eine große Überraschung.

Ein Teil davon zeigt, wie eng das Duell zwischen Mercedes und Ferrari aktuell ist. Beide Teams gingen bei der Kühlung ans absolute Limit, um die ultimative Motorperformance abzurufen. Ein zusätzliches Kühlpaket (oder Schlitz im Bodywork) bedeutet mehr aerodynamischen Luftwiderstand. Das kostet geschätzt 0,1 Sekunden pro Runde, also hochgerechnet auf die Renndistanz etwas fünf Sekunden an Performance.

Lewis zeigte eine kämpferische Leistung und belegte Platz vier. Er kämpfte das gesamte Rennen über mit Überhitzung

Mercedes musste ebenfalls auf die Temperaturen achten

Für Valtteri war es also die beste Lösung, vorne frei fahren zu können. Denn der Renntag war heißer als vorhergesagt. Nach einer Berührung von Jolyon Palmer und Romain Grosjean kam das Safety Car schon in der ersten Runde auf die Strecke. Dadurch stiegen die Temperaturen hinter dem wunderschönen Mercedes-AMG GT S Safety Car jedoch leicht an.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass die Temperaturen entscheidend sein könnten, kam beim Restart nach vier Runden. Valtteri gelang der Restart genauso gut wie der eigentliche Start. Aber die Tatsache, dass er von Vettel nicht mehr unter Druck gesetzt wurde, ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Ferrari die Motortemperaturen kontrollieren musste, und das zu einem Zeitpunkt zu dem sie so nah wie möglich dran sein wollten. Es lag also wohl nicht an einer Fehleinschätzung des viermaligen Weltmeisters.

Mercedes musste ebenfalls auf die Temperaturen achten. Das zeigte sich bei Lewis, der nach fünf Runden Aussetzer beklagte und daraufhin angewiesen wurde, das Auto zu kühlen.

Valtteris beeindruckender erster Stint lässt sich also auf zwei Faktoren zurückführen: Zunächst darauf, dass sein Mercedes W08 sich auf den ultraweichen Reifen besser anfühlte, als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt an diesem Wochenende. Und dann darauf, dass Vettel eine Lücke entstehen ließ, um seinen Motor zu kühlen - möglicherweise in dem Glauben, dass sie die Pace hatten, sie vor dem Boxenstoppfenster wieder zuzufahren.

Wenn Valtteri seinen ersten Grand Prix-Sieg feiern wollte, musste er ihn sich also hart erarbeiten!

Valtteri musste sich seinen ersten Sieg hart erarbeiten

Als Vettel seine Pace um rund eine halbe Sekunde anzog (seine schnellste Rennrunde war zu diesem Zeitpunkt in Runde 16 eine 1:38.629), konnte Valtteri darauf reagieren. Er fuhr eine extrem konstante Serie von vier Runden (1:38.40; 1:38.40; 1:38.35; 1:38.37) mit der er seine Führung auf mehr als 5,5 Sekunden ausbaute. Nun kamen zum ersten Mal Zweifel bei jenen auf, die eine Ferrari-Dominanz nach dem Qualifying erwartet hatten.

Durch den geringen Reifenabbau in Sotschi war ein früher Boxenstopp samt "Undercut" nicht so hilfreich wie auf anderen Strecken. Aufgrund der Beobachtung des Verkehrs und der Tatsache, dass der W08 in Russland besser zu den ultraweichen als den superweichen Reifen von Pirelli passte, ließ das Team Valtteri bis zur Rennmitte draußen. Nach einem starken 2,5 Sekunden Stopp fuhr er mit einem Abstand von etwas mehr als 20 Sekunden auf Vettel zurück auf die Strecke. Das nötige Boxenstoppfenster waren 25-26 Sekunden.

Ferrari bemerkte, dass es wenig Sinn machte, die Mercedes-Strategie nachzuahmen. Deshalb ließen sie Vettel für weitere sieben Runden draußen, damit er für den Schlussspurt frischere SuperSoft-Reifen hatte und attackieren konnte. Wenn Valtteri seinen ersten Grand Prix-Sieg feiern wollte, musste er ihn sich also hart erarbeiten!

Ferrari holte Vettel 18 Runden vor Schluss zum Boxenstopp herein. Danach ging er 4,6 Sekunden hinter dem führenden Mercedes zurück auf die Strecke. Auf den rot markierten Pirellis begann er sofort damit, Valtteris Vorsprung wegzuknabbern - der Rückstand schmolz auf 4,33 Sekunden und dann auf 4,04 Sekunden. Bei seinem Konter verbremste sich Valtteri in Runde 38 und handelte sich einen Bremsplatten vorne links in Kurve 13 ein. Das kostete ihn über eine halbe Sekunde. Vettel war nun innerhalb von drei Sekunden an ihm drran und es waren noch 14 Runden zu fahren...

Valtteri stoppte einmal in Runde 49

Valtteri: Das Warten hat sich gelohnt!

In den nächsten vier Runden fiel Valtteris Pace um 0,5-0,75 Sekunden ab. Plötzlich war der Ferrari nur noch 1,4 Sekunden dahinter - gefährlich nahe der Ein-Sekunden-DRS-Marke. Während sein erster Grand Prix-Sieg zum Greifen nahe war, geriet Valtteri unter extremen Druck. Es war Zerreißprobe für seine Nerven.

Aber er stand seinen Mann! Plötzlich fuhr Valtteri sogar noch schneller als vor seinem Verbremser!

"Nach dem Verbremser in Kurve 13 sank die Temperatur in meinen Reifen und es dauert eine Weile, bis sich das in Sotschi erholt", erklärte er. "Das war der Grund für die langsameren Runden. Auf dieser Strecke ist ein guter Rhythmus sehr wichtig. Zum Glück fand ich ihn wieder."

In der Schlussphase des Rennens sah sich Valtteri auch der Herausforderung von Überrundungen gegenüber, bei denen er keine Zeit verlieren wollte. "Unter dem neuen Reglement erhalten sie die Warnung erst, wenn die Lücke weniger als eine Sekunde ist. Ich glaube nicht, dass das hier genug ist!"

Vettel kam mit dem Ferrari zwei Runden vor Schluss in DRS-Reichweite. In einem superengen Finish eines spannenden Rennens konnte Valtteri den Deutschen um 0,61 Sekunden hinter sich halten.

"Vielen Dank, Jungs. Unglaublich!", sagte er im Teamfunk. "Es hat eine Weile gedauert, mehr als 80 Rennen für mich. Aber das Warten hat sich gelohnt!"

Valtteri ist nicht für emotionale Ausbrüche bekannt

Valtteri: Es fühlt sich alles etwas surreal an

Valtteri ist nicht für emotionale Ausbrüche bekannt, aber der eine oder andere wies daraufhin, dass er den Helm etwas länger als sonst aufbehielt... Und ganz oben auf dem Podest die finnische Nationalhymne zu hören, war für ihn "ein ganz besonderer Moment".

Vom Podium ging es zur Pressekonferenz, wo Valtteri von einem spontanen Applaus durch die Weltpresse begrüßt wurde.

"Vielen Dank, Leute...", sagte er mit einem Lächeln im Gesicht. "Es fühlt sich alles etwas surreal an. Mein erster Sieg von hoffentlich vielen, die noch kommen. Das war definitiv eines meiner besten Rennen. Ich hatte immer Vertrauen in meine Fähigkeiten, aber es ist schön, dass dies nun bestätigt wurde. Der Druck gegen Ende war okay. Das Hauptproblem waren die Überrundungen. Mit diesen neuen Autos verlieren wir definitive mehr Abtrieb, wenn wir bis auf zwei bis drei Sekunden dran sind. Es war also knifflig, heranzufahren und zu überholen, ohne Zeit zu verlieren. Ich bat die Jungs an der Boxenmauer um etwas Funkstille, damit ich mich konzentrieren konnte. Es hat geklappt und die Ruhe half!"

Es gibt die unausgesprochene Vermutung, dass der Ferrari anderen Autos mit weniger aerodynamischen Verwirbelungen enger folgen kann als der Mercedes, was Valtteris Aufgabe in den Schlussrunden noch härter machte.

So wie es in Bahrain nicht für Valtteri lief, hatte in Russland Lewis das gesamte Wochenende über Probleme.

Lewis: Ich kann es nicht wirklich erklären

So wie es in Bahrain nicht für Valtteri lief, hatte in Russland Lewis das gesamte Wochenende über Probleme. "Ich kann es nicht wirklich erklären", gab er zu. "Ich habe einige Ideen, aber es gibt noch viel Arbeit zu erledigen. Im Rennen war das Auto genauso wie im Qualifying. Snap-Oversteer in Sektor drei. Zudem überhitzte es auch. Ab Runde fünf musste ich langsamer machen und die Einstellungen der Power Unit herunterdrehen. Es stand sehr früh fest, dass ich Vierter werden würde."

"Mit Blick auf das Setup gab es keinen großen Unterschied zu Valtteri: Ein bisschen in langsamen und mittelschnellen Kurven, in denen ich Schwierigkeiten hatte, und ein wenig beim Differenzial. Ich konnte aber nicht in die Richtung gehen, die er ging, und ich verstehe nicht ganz, warum das so war. Denn unsere Fahrstile sind ziemlich ähnlich."

Umso mehr zeigt das Ergebnis, wie wichtig eine gute Mannschaftsleistung ist. Die 25 Punkte von Valtteri sowie die zwölf Zähler von Lewis brachten Mercedes-AMG Petronas Motorsport an die Spitze der Konstrukteurs-Wertung, die das Team nun nach vier Rennen mit 136:135 Punkten vor Ferrari anführt. Das war die größte Punkteausbeute des Teams bislang in dieser Saison.

Trotz der Enttäuschung war Lewis einer der ersten, die Valtteri zu seinem ersten Grand Prix-Sieg gratulierten

Toto: Ein wahrlich verdienter Sieg!

"Lewis hatte Schwierigkeiten, die Reifen im richtigen Fenster zu halten, und er war nie drin", sagte Toto. "Ich weiß nicht, ob es an den Reifen oder dem Setup gelegen hat. Aber wenn sich jemand in Sotschi auskennt, dann ist es Lewis. Wir müssen irgendwo einen falschen Weg eingeschlagen haben."

Trotz der Enttäuschung war Lewis einer der ersten, die Valtteri zu seinem ersten Grand Prix-Sieg gratulierten. Auch Vettel freute sich mit ihm: "Heute ist Valtteris Tag. Er fuhr ein fantastisches Rennen, er hatte eine unglaubliche Pace, hat einen super Job abgeliefert. Er verdient den Sieg, denn er fuhr besser als wir anderen."

Ein emotionaler Toto zollte seinem neuen F1-Sieger ebenfalls Tribut: "Er war in den Nachwuchsklassen außergewöhnlich und auch gegen einen erfahrenen Teamkollegen bei Williams. Er wagte einen riskanten Wechsel mit Lewis als Teamkollegen und übernahm das Auto des amtierenden Weltmeisters. Er hat sich sehr gut geschlagen mit einer Pole in Bahrain und dem Sieg hier. Und all das unter Druck von Sebastian. Ein wahrlich verdienter Sieg!"

Während nichts von Valtteris Sieg ablenken soll, spielte auch die Entscheidung des Teams, die Kühlungslimits auszunutzen einen entscheidenden Faktor. Nach den ersten Anzeichen am Freitag war dieser Sieg eine Überraschung. Nach drei relativ komfortablen Jahren für Mercedes beweist er auch, dass die F1 derzeit genau so ist, wie sie sein sollte: Die besten Fahrer der Welt pushen sich gegenseitig ans Limit. Auf nach Barcelona!

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