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ANALYSE: Auf die Plätze, fertig…. Bottas!

ANALYSE: Auf die Plätze, fertig…. Bottas!

Mercedes-AMG Petronas Motorsport fuhr am Sonntag auf dem atemberaubenden Red Bull Ring in den steirischen Bergen in Österreich im neunten Rennen seinen fünften Saisonsieg ein. Valtteri Bottas legte einen Raketenstart von der Pole Position hin und erzielte seinen zweiten Formel 1-Sieg vor Ferrari-Pilot Sebastian Vettel. Lewis Hamilton betrieb Schadensbegrenzung und kämpfte sich nach einer Zurückversetzung um fünf Plätze in Folge eines Getriebewechsels bis auf Rang vier nach vorne.

Welcher Reifen für das Qualifying?

Im Motorsport geht es darum, Risiken einzugehen und dafür belohnt zu werden. Nach dem Rennen in Baku stand das Team vor einer schwierigen Entscheidung. Eine Untersuchung des Getriebes hatte Beschädigungen daran ergeben. Diese hatten aber nichts mit der Berührung zwischen Lewis und Vettel in Aserbaidschan zu tun. Das Team musste die Chancen eines möglichen Defekts und Ausfalls in Österreich (samt eines potentiellen Punkteverlusts von mindestens 15 Zählern für das Team und bis zu 25 für Lewis) gegen den Verlust von Punkten durch eine Zurückversetzung für einen Getriebeschaden gegeneinander abwägen. Während die Wahrscheinlichkeit für einen Getriebeschaden nicht bei 100% lag, war sie hoch genug, um einen Wechsel zu rechtfertigen. Dadurch geriet Lewis jedoch von Anfang an ins Hintertreffen.

Danach lautete die Frage: Auf welchem Reifen sollte man sich qualifizieren? Pirelli brachte die drei weichsten Mischungen nach Österreich mit: UltraSoft, SuperSoft und Soft. Die Wettervorhersage sagte am Samstag Regen während des Rennens voraus. Somit musste genau abgewogen werden, ob man sich für eine Strategie entschied, die den Fahrer mit einem ausgedehnten ersten Stint weit in das Rennen hinein fahren ließ - denn so ließ sich ein früherer Stopp vermeiden, bevor die potentiellen Regenschauer niedergingen. Deshalb entschied sich das Team dazu, Lewis im Q2 auf den superweichen Reifen rauszuschicken. Diese Session legt fest, mit welchen Reifen der Fahrer den Rennstart absolvieren muss. Dies brachte ihm 10 zusätzliche Runden gegenüber dem ultraweichen Reifen oder etwas mehr als zehn Minuten.

Nachdem Lewis im ersten Training am Freitag in 1:05.9 Minuten die Bestzeit auf den weichen Reifen gefahren war, wurde sogar darüber nachgedacht, ihn im Qualifying auf der härtesteten der drei Mischungen fahren zu lassen, um den ersten Stint noch weiter auszubauen. Aber bis zum Samstagnachmittag hatte sich die Strecke durch den gelegten Gummi so stark verändert, dass der Geschwindigkeitsunterschied zwischen den drei Mischungen größer ausfiel. Somit wäre diese Strategie etwas zu abenteuerlich gewesen!

Valtteris Start hätte nicht besser sein können

Lewis kam auf den superweichen Reifen locker ins Q3 - der einzige Fahrer, dem das gelang. Aber der Preis dafür war, dass er kein Gefühl für die Fahrzeugbalance auf den ultraweichen Reifen bekam, die alle Fahrer im Q3 nutzten. Valtteri zeigte unterdessen eine starke Leistung und fuhr die zweite Pole Position in seiner noch recht kurzen Mercedes-Laufbahn ein. Mit einer Zeit von 1:04.251 Minuten besiegte er Vettel im Ferrari um 0,04 Sekunden. Lewis fuhr eine Zeit von 1:04.424 Minuten - genug für Platz drei, der durch seine Strafe zu Startplatz acht wurde.

Als die Ampeln am Sonntagnachmittag ausgingen, legte Valtteri einen Blitzstart hin - so gut, dass sowohl Vettel als auch Red Bull-Pilot Daniel Ricciardo via Funk meinten, es sei ein Fehlstart gewesen! Kurz darauf bestätigte die FIA, dass sie den Start untersuchte.

Die Sensor-Daten zeigten, dass Valtteris Reaktionszeit 0,201 Sekunden betrug - im Vergleich zu Vettels 0,364 Sekunden auf Platz zwei. Um zu verhindern, dass die Fahrer den Start vorhersehen, darf die FIA eine Strafe aussprechen, wenn sie die Reaktionszeit für besser als menschlich möglich ansieht. Alles unter 0,18 Sekunden wird als an der Grenze liegend angesehen. Valtteris Start war also so gut es nur geht!

"Ich hatte keine Zweifel", sagte er. "Aber ich wusste, dass es wahrscheinlich der beste Start war, den ich jemals hatte! Wir üben viele Starts und trainieren auch die Reaktionszeit. Im Training kann man bessere Zeiten erreichen als das, aber es war wirklich der perfekte Start."

Dahinter machte Lewis auf der ersten Runde wegen eines Problems bei Max Verstappen einen Platz gut. Nun war er Siebter. In Runde sechs überholte Lewis Sergio Perez in Kurve drei - nun war er Sechster. Einige Runden später überholte er auch den Haas von Romain Grosjean und verbesserte sich dadurch auf Rang fünf.

'Mach das Gegenteil von Kimi'

Das Team wusste, dass Valtteris Start untersucht wurde. Entsprechend sah man sich die verfügbaren Videos und Daten an - sowohl an der Strecke als auch in der Fabrik in Brackley. Obwohl man zuversichtlich war, dass alles in Ordnung war, wurde Valtteri mitgeteilt, einen Vorsprung herauszufahren - nur für den Fall, dass er doch eine Strafe erhalten würde. Ihm wurde allerdings nichts über die Untersuchung gesagt. Wenn es zu einer Bestrafung gekommen wäre, wäre dies höchstwahrscheinlich eine Durchfahrtsstrafe gewesen, die ihn am Red Bull Ring rund 14,5 Sekunden gekostet hätte.

Obwohl er seine Pace anzog, fuhr Valtteri unglaublich konstant. Von Runde 7 bis 10 lagen seine Umläufe alle innerhalb von 0,09 Sekunden. So baute er seinen Vorsprung auf Vettel auf 4,5 Sekunden aus. Nachdem er Grosjean und Kimi Räikkönen überholt hatte, lag Lewis derweil 14,5 Sekunden hinter seinem Teamkollegen.

Nach 25 von 71 Rennrunden lag Lewis in DRS-Reichweite von Räikkönen. Allerdings bestand zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Möglichkeit für einen Undercut, da Grosjean auf Platz sechs - mit den Force Indias direkt dahinter - nur 17 Sekunden hinter ihm fuhr - das nötige Boxenstoppfenster hätte 20 Sekunden betragen.

In Runde 29 hatte Räikkönen den nötigen Vorsprung auf Grosjean herausgefahren, um an die Box zu gehen. Aber Ferrari ließ den Finnen draußen und bot Mercedes damit die Chance, ihn mit einem Undercut von Lewis zu überholen. "Mache das Gegenteil von Kimi", wurde Lewis in Runde 31 im Funk gesagt. Als Räikkönen draußen blieb, ging Lewis an die Box und erhielt einen frischen Satz ultraweicher Reifen.

Es gab kein Anzeichen von Regen, der die Qualifying-Strategie mit den superweichen Reifen bei Lewis teilweise bedingt hatte. Das Team war unterdessen zuversichtlich, dass Lewis mit den ultraweichen Reifen zu Ende fahren konnte. Gleichzeitig würde er von der besseren Performance auf der ersten Runde profitieren. Denn Räikkönen musste nach seinem Start auf den ultraweichen Reifen auf die SuperSofts wechseln. Deshalb wurde die Entscheidung getroffen, die Möglichkeit zum Undercut zu nutzen, sobald sie sich bot.

'Die Reifen haben nicht mehr viel drauf'

Der zweite Faktor war, dass Räikkönen nicht sofort an die Box ging, sobald er das Fenster zu Grosjean herausgefahren hatte. Mercedes schloss daraus, dass Ferrari die Strategie gewählt hatte, ihn so lange draußen zu lassen, um Valtteri später aufzuhalten, wenn Vettel hinter ihm war. Lewis weiterfahren zu lassen hätte ihn deshalb nur mehr Zeit hinter Räikkönen gekostet - und das zu einem Zeitpunkt, zu dem der Dritte Ricciardo sechs Sekunden vor dem zweiten Ferrari lag.

Da die Rennpace der drei führenden Teams Mercedes, Ferrari und Red Bull sehr ausgeglichen war, mussten die Führenden auf den Stopp von Lewis reagieren. Ricciardo kam in Runde 33 herein und Vettel eine Runde später. Valtteri fuhr jedoch erst in Runde 41 an die Box, um sich nach einem langen Stint auf UltraSofts neue Reifen zu holen.

Da das Team die Strategie von Ferrari mit Räikkönen erkannt hatte, war Valtteri sehr nah dran, sein Boxenstoppfenster gegenüber seinem Landsmann zu erreichen. Aber es reichte nicht ganz. Zwischen den Runden 34 und 40 betrug der Abstand zwischen 19,5 und 20,2 Sekunden. Valtteri wurde eine neue Zielzeit genannt und die Strategen des Teams konnten erkennen, dass Räikkönen den Renault von Palmer überrunden musste. Das würde ihn wertvolle Zeit kosten. In diesem Moment meldete Valtteri im Funk: "Die Reifen haben nicht mehr viel drauf."

Das Team erinnerte sich daran, dass Vettel ein Jahr zuvor einen Reifenschaden in Österreich erlebte, als er versuchte, seinen Stint auszudehnen. Entsprechend wurde Valtteri sofort hereingerufen. Dabei kam es zu einer leichten Verzögerung am rechten Vorderrad. Deshalb war Valtteris Stopp 1,4 Sekunden langsamer als der von Lewis und er kam 1,6 Sekunden hinter Räikkönen auf die Strecke zurück. Vettel war zu diesem Zeitpunkt nur drei Sekunden hinter dem Mercedes mit der Startnummer 77.

Die erste Hürde war Räikkönen

Noch waren 30 Runden auf dem viertkürzesten Kurs im Rennkalender zu fahren. Das Rennen steuerte auf einen spannenden Schlussspurt zu. Valtteris Aufgabe war es, seine Führung zu verteidigen, und zwar unter dem Druck des WM-Führenden und von Lewis, der auf seinen ultraweichen Reifen den Red Bull von Ricciardo jagte. Das war keine so einfache Aufgabe, wie sie es zu Beginn dieser Saison vielleicht gewesen wäre. Red Bull zeigte schon in Baku eine starke Pace, obwohl dies eine Power-Strecke war. Ein Blick auf die schnellsten Rundenzeiten des Rennens zeigt, dass die Autos der Top-3-Teams nur von 0,07 Sekunden getrennt waren!

Das erhöhte den Druck auf Valtteri, genauso wie schon in Russland. Während er das Rennen im ersten Stint auf den ultraweichen Reifen kontrollieren konnte, schien sich das Blatt für den zweiten Stint auf den SuperSofts zu wenden. Diese schienen dem Ferrari besser zu liegen.

Die erste Hürde, die er nehmen musste, war der Ferrari von Räikkönen, der lange draußen blieb. Dies gelang Valtteri sobald er ihn eingeholt hatte. Kimi verbremste sich leicht in Kurve drei und Valtteri nutzte die Hilfe von DRS, um auf dem Weg zu Kurve vier vorbeizugehen.

Die nächste Herausforderung war eine schwarze Linie, die auf seinem linken Hinterreifen in Form von Blasenbildung auftrat. Aber er blieb genauso ruhig wie in Russland, machte keine Fehler und fuhr 0,658 Sekunden vor dem Ferrari über die Ziellinie - obwohl Vettel für die letzten beiden Runden in DRS-Reichweite war. Valtteri mag es anscheinend eng - in Sotschi betrug sein Vorsprung am Ende 0,617 Sekunden...

'Es war ein kleines déjà-vu mit Seb'

"Es war ein kleines déjà-vu mit Seb in den letzten Runden", sagte Valtteri lächelnd. "Ich spürte, dass die Blasenbildung immer schlimmer wurde. Jedes Mal, wenn ich in eine Rechtskurve gefahren bin, wurde es noch schlimmer. Zudem waren da die Überrundungen. Du versuchst immer, so schnell wie möglich durchzukommen, aber manchmal verliert man etwas mehr als der Hintermann. Aber alles ging gut aus - trotzdem war ich froh, als das Rennen vorbei war!"

Lewis schloss das Rennen mit einer Schadensbegrenzung ab: Er holte zwölf Punkte für Platz vier und schrammte nur ganz knapp am letzten Podestplatz vorbei. Auf der vorletzten Runde probierte er es außen in Kurve vier, aber er kam nicht ganz an Ricciardo vorbei. Der Australier bremste so spät wie möglich und blieb vorne.

"Ich habe mir gerade erst die Wiederholung mit Daniel angesehen, um zu sehen, wie weit ich daneben war und ob ich vorne gewesen wäre, wenn ich etwas aggressiver herangegangen wäre," erklärte Lewis nach dem Rennen. "Schlussendlich hat er sich einfach sehr gut verteidigt und ich glaube nicht, dass ich es hätte besser machen können. Daniels Pace war heute fantastisch - sehr, sehr schnell und sie haben sich irgendwo verbessert. Ich gab alles und kam nicht mit riesigen Schritten näher. Es lag an einem Fehler, den er am Ende machte. So bekam ich die Möglichkeit, aber ich konnte sie nicht ganz nutzen."

'Tatsächlich war es ein richtig gutes Rennen für mich'

"Tatsächlich war es ein richtig gutes Rennen für mich. Ich hätte mir etwas mehr Frontflügel für den zweiten Stint gewünscht, da die Balance etwas zu weit vorne war und es ist schwierig, 25 Rennrunden zu fahren, wenn die Balance von Anfang an neutral ist. Es ist besser, wenn man mit etwas Untersteuern beginnt und es sich dann über neutral zu Übersteuern entwickelt. Wenn es gleich neutral ist, dann kann man keine 35 Runden fahren, ohne dass die Hinterreifen abfallen. Ich kam ohne Vorwarnung herein und so hatten wir keine Zeit. Dennoch konnte ich ein paar Einstellungen ändern. Ich war fast 15 Sekunden zurück als ich an Grosjean vorbeiging und am Ende war ich nur sieben Sekunden zurück. Ich bin heute schnell gefahren. Aber Valtteri hat fantastische Arbeit abgeliefert, heute und gestern. Er hat den Sieg verdient. Er hatte auch schon einen Ausfall in diesem Jahr und ich möchte sagen, dass es keinen Zeitpunkt gegeben hat, wo er nicht im Titelkampf war."

Die Saison scheint sich nun zu einem echten Klassiker zu entwickeln: Valtteri liegt nach seinem zweiten Sieg nur noch 15 Punkte hinter Lewis und 35 Zähler hinter Vettel, der mit 171 Punkten die Fahrer-Wertung anführt. In der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft konnte Mercedes-AMG Petronas Motorsport seine Führung dank der kämpferischen Leistungen von Valtteri und Lewis ausbauen: Das Team führt nun mit neun Punkten Vorsprung vor der Scuderia Ferrari (287:254).

Schon am kommenden Wochenende geht es in Silverstone weiter. Die Fahrer freuen sich auf die Herausforderung der Highspeed-Strecke in Northamptonshire mit den neuen 2017er Autos. Das sollte spektakulärer denn je werden!

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