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Vor 90 Jahren: Mercedes siegt bei Targa Florio

Vor 90 Jahren: Mercedes siegt bei Targa Florio

Ein Gebirgskurs mit schmalen Straßen und mehr als 7.000 Kurven vor den Toren Palermos auf Sizilien in Italien: Das ist die Targa Florio. Sie ist eins der insbesondere in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts sehr beliebten und strapaziösen Straßenrennen. Im Jahr 1924 ist eine Runde 108 Kilometer lang. Vier davon sind für die Targa Florio zu fahren, eine weitere ist für die Coppa Florio angesetzt, insgesamt sind es somit 540 Kilometer – und Christian Werner auf einem Kompressor-Mercedes gewinnt am 27. April 1924 mit 6:32:37 Stunden die Targa Florio, mit 8:17:1,4 Stunden die Coppa Florio und fährt außerdem noch mit 1:35 Stunden die schnellste Runde. Auf den Plätzen 2 und 3 in der gleichen Rennklasse: ebenfalls Mercedes, mit den Fahrern Christian Lautenschlager und Alfred Neubauer. Damit ist der Dreifachsieg für die Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) komplett – ein magischer Moment im Jubiläum „120 Jahre Motorsport“, das Mercedes-Benz Classic 2014 feiert.

Mercedes ist die einzige Marke, die alle gestarteten Fahrzeuge ins Ziel bringt. Wer die Targa gewinnt, ist nicht zwingend auch Sieger der Coppa, denn die Chancen, auf der letzten Runde noch den Tribut an Straße und Gelände zu zahlen, sind immens. Von den 37 gestarteten Wagen erreichen nach vier Runden nur 21 das Ziel der Targa Florio. Nur noch 16 sehen eine Runde später das Zielband der Coppa Florio. Damit darf Christian Werner für seine Gesamtleistung durchaus Achtung gezollt werden – aber seinen Teamkollegen ebenfalls, denn alle meistern die Strapazen des damals vermutlich härtesten Straßenrennens in Europa.

Das Team meldet per Telegramm das Gesamtresultat nach Stuttgart: „Gesamtresultat Werner gewinnt Targa und Coppa Florio, ferner Coppa Caltavuturo für kürzeste Zeit vom Start bis dort, ferner die Coppa Villa Igiea für den Rundenrekord, ferner grosse goldene Medaille des ital. Königs und dito Sizil. Autoklub, ferner sämtliche Preise gestiftet von der Kaufmannschaft Palermos stop Klassenresultat Werner erster, Lautenschlager zweiter, Neubauer dritter, Mercedesteam gewinnt Coppa Termini für bestes Fabrikteam.“

Die neuen Mercedes 2-Liter-Rennwagen sind bei der Targa rot lackiert statt in der üblichen deutschen Rennfarbe Weiß. Das ist Teil des Kalküls: Weil die meist italienischen Zuschauer die einheimischen, rot lackierten Fahrzeuge begeistert unterstützen, aber die andersfarbigen ausländischen Autos mitunter auf der Strecke behindern, tritt Mercedes einfach mit roten Autos an – und fährt den Dreifachsieg ein.

Die Mercedes-Rennwagen für Sizilien

Das richtige Material entscheidet über den Sieg. Das in Paris erscheinende Magazin „Auto“ schreibt nach dem Rennen über die Stuttgarter Marke und ihre Targa-Fahrzeuge: „Die Mercedes-Wagen waren so gebaut, wie sie es für den sizilianischen Rennkurs sein mussten: kurzer Radstand, richtige Schwerpunktlage, besondere Rücksicht auf bequeme Sitzgelegenheiten für Fahrer (zum Beispiel Kissen aus grobkörnigem Leder, damit man nicht ins Rutschen gerät). Ferner wiesen die Mercedes zwei kostbare Merkmale auf, die auch dem Nichtfachmanne kaum entgangen sein dürften: eine ganz wunderbare Fähigkeit, die Straße zu halten, und einen Steuermechanismus, der infolge geringer Belastung der Vorderradachse überaus weich und dabei höchst präzis wirkte.“

Die Mercedes-Rennwagen sind Weiterentwicklungen jenes ersten Mercedes Kompressor-Rennwagens, der 1922 bei der Targa Florio eingesetzt wird, damals angetrieben von einem 1,5-Liter-Vierzylinder mit vertikal an der Motorstirnseite angeordnetem Kompressor. Dieser Motor hat bereits zwei durch eine Königswelle angetriebene oben liegende Nockenwellen und verfügt über Vierventiltechnik mit der erstmals in Zylindermitte angeordneten Zündkerze.

Aus diesem Motor entsteht der 2-Liter-Rennmotor für die ab 1922 gültige 2-Liter-Formel, bei dem als Neuigkeit erstmals das Querstromprinzip zur Geltung kommt: Ansaugung links, Auspuff rechts. Die Leistung der 1924 eingesetzten Rennmotoren bei der Targa beträgt 50 kW (67,5 PS) ohne Kompressor, aufgeladen sind es 93 kW (126 PS) bei 4.500/min. Kurzzeitig kann er bis 4.800/min gedreht werden. Die letzte Ausführung dieses Hochleistungsmotors erreicht gegen Ende 1924 sogar 110 kW (150 PS).

Fahrgestell und Karosserie der Targa-Florio-Rennwagen entsprechen weitgehend den Rennfahrzeugen, die 1923 bei den „500 Meilen von Indianapolis“ eingesetzt worden sind, nur ist die Spur etwas verbreitert und der Rahmen am hinteren Ende zur Aufnahme der unentbehrlichen Reserveräder verändert. Die wichtigste Neuerung für die Fahrer ist eine kleine Windschutzscheibe vor dem Volant, die sie vor den reichlich herumfliegenden kleinen Steinen schützt, wenn ein Konkurrent überholt wird.

Nach der Targa Florio wird das Fahrzeug noch bei zahlreichen Rennen erfolgreich eingesetzt. Beim Klausenpass-Rennen im August 1924 fährt Otto Merz auf dem roten Renner die beste Zeit des Tages. Für das Semmering-Rennen im September lässt sich Otto Salzer in ein Targa-Florio-Fahrgestell einen 4,5-Liter-Motor des Grand-Prix-Wagens von 1914 einbauen, der zusätzlich noch mit einem Kompressor bestückt ist. Salzer erzielt mit dem liebevoll „Großmutter“ genannten Ungetüm zwar die schnellste Zeit für Rennwagen über 3 Liter Hubraum, den Gesamtsieg holt jedoch Targa-Florio-Sieger Wilhelm Werner auf „seinem“ roten 2-Liter-Rennwagen. Zwei Jahre später, im September 1926, gelingt es niemand Geringerem als Rudolf Caracciola, mit der „Großmutter“ das Semmering-Rennen in neuer Rekordzeit zu gewinnen.

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