• Ein Vollprofi voller Begeisterung

Dieser Tribut wurde von Rob Halloway, Marketing-Direktor bei Mercedes-Benz UK, verfasst. Rob traf Sir Stirling und Lady Moss zum ersten Mal im Jahr 2002. Im Laufe der Jahre verbrachte er einige fantastische Momente mit beiden. Die Veröffentlichung dieses Blogs am Oster-Montag ist besonders herzzerreißend, da Sir Stirling am Oster-Montag 1962 seinen schweren Unfall bei der Glover Trophy in Goodwood hatte.

Mein Gegenüber genoss meine volle Aufmerksamkeit. Er lehnte sich in seinem Sitz nach vorne, senkte seine Stimme und sagte beinahe verschwörerisch: "Natürlich war einer der Gründe dafür, dass wir so verdammt schnell waren, die Tatsache, dass wir immer noch Trommelbremsen hatten und ich in den Städten einfach nicht abbremsen konnte. Gut gemacht, wirklich!", sagte er lachend.

Es war eine großartige Pointe voller Bescheidenheit. Denn mein Gegenüber war kein Geringerer als Sir Stirling Moss OBE, der in diesem Moment den für viele Menschen in aller Welt wohl größten Sieg in der Geschichte des Rennsports beschrieb - seine ungeschlagene Fahrt bei der Mille Miglia 1955. Am Steuer eines Mercedes-Benz 300 SLR mit der Startnummer "722" fuhren Moss und sein Beifahrer Denis Jenkinson in die Geschichtsbücher.

Später an jenem Abend suchte ich auf YouTube nach Videos von Stirling bei diesem Rennen. Unter den Such-Resultaten war ein Interview, das er irgendwann in den 1970er Jahren gegeben hat. Mr. Moss trug prächtige buschige Koteletten, wie sie in der damaligen Zeit in Mode waren, und erzählte voller Begeisterung die gleiche Geschichte in beinahe exakt den gleichen Worten und genauso detailliert und witzig.

Als ich ein paar Wochen später das nächste Mal mit Sir Stirling am Telefon gesprochen habe, fragte ich ihn: "Sie müssen diese Geschichte schon hundert Mal erzählt haben. Warum werden sie nicht müde, sie zu erzählen?"

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Susie,-Rob-and-Stirling,-2002

Seine Antwort lautete: "Ja, aber es war das erste Mal, dass ich sie Ihnen, Rob, erzählt habe, also wollte ich sie interessant machen." Diese Antwort verrät viel über Sir Stirling Moss. Neben all seinen Erfolgen hinter dem Lenkrad, all den fantastischen Leistungen, die er in einer der gefährlichsten Zeiten im Rennsport erbracht hat, war es diese Energie, die mich am meisten beeindruckte, er war ein Vollprofi voller Begeisterung.

Obwohl er seine aktive Laufbahn als Grand-Prix-Rennfahrer nach einem Unfall am Oster-Montag 1962 beenden musste, war "Mr. Motorsport" in seiner Karriere immer verfügbar, immer in Bewegung und immer glücklich darüber zu arbeiten. "Bewegung ist Ruhe", erklärte er sicher unzählige Male.

Zum ersten Mal traf ich Sir Stirling und Lady Moss (Susie) im Jahr 2002, als ich in der Presseabteilung von Mercedes-Benz Cars UK gearbeitet habe. Im Laufe der Jahre blieb ich regelmäßig in Kontakt mit Susie Moss und dem "Boss", wie sie ihn nannte, und ich darf mich glücklich schätzen, einige wundervolle Momente mit ihnen verbracht zu haben.

Nun habe ich das Privileg, einige davon hier mit dem geneigten Leser zu teilen.

Immer mit drei Speichen

Wer den Rennwagen mit der 722 irgendwo auf der Welt gesehen hat, weiß, dass er ein echtes Schmuckstück ist. Was für ein fantastisches Fahrzeug. Es gibt unzählige maßstabsgetreue Modelle davon - ich habe mehrere davon auf der Arbeit und bei mir Zuhause. Und beinahe alle diese Modelle sind ungenau.

Sie sind falsch, weil sie zu einem überwiegenden Teil ein Lenkrad mit vier Speichen besitzen, wie jeder andere Silberpfeil aus den 1950er Jahren. Stirling fuhr allerdings stets mit nur drei Speichen in "Y"-Form. Stirling konnte dank seinem unglaublich stark ausgeprägten peripherischen Sehsinn sowohl die Straße vor ihm als auch das Armaturenbrett zur gleichen Zeit sehen. Durch die "Y"-Form waren die Anzeigen für ihn nicht verdeckt.

Nach seinem Sieg am 1. Mai 1955 fragte Stirling den damaligen Mercedes-Benz Teamchef Alfred Neubauer während der Feierlichkeiten, ob er das Lenkrad seines siegreichen Autos behalten dürfe. Er packte es in seine Tasche und als danach ein Mechaniker das Auto mit der 722 bewegen musste, war das Lenkrad nicht mehr da. Der Mechaniker schnappte sich ein Ersatzlenkrad aus dem Renntransporter, das vier Speichen hatte - dieses Lenkrad befindet sich bis heute im Auto.

Stirling hob sein Lenkrad mit den drei Speichen in seinem Büro in Mayfair, London auf. Jedes Mal, wenn er das Auto gefahren ist, hat er es mitgebracht. Das Fahrzeug mit der 722 steht nun schon seit einigen Jahren im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart, aber das Original-Lenkrad liegt immer noch in einer ruhigen Ecke im Zentrum von London.

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"Zeige und führe uns. Zeige und führe uns."

Stirling war schon fast 80 Jahre alt als ich ihn richtig kennenlernte. Gemeinsam mit Susie bereiste er noch immer die ganze Welt, vertrat nicht nur Marken, sondern Automobilhersteller, für die er Rennen gefahren ist. Er verbrachte Stunden damit, Menschen Geschichten und Scherze zu erzählen, schrieb tausende Autogramme. Er und Lady Moss hatten ein wundervolles Verhältnis. Als ich versuchte, meiner Pflicht nachzukommen und ihnen die Abläufe und die anstehende Veranstaltung zu erklären, sagte Susie immer nur lachend: "Alles ist gut, zeige und führe uns einfach und wir spielen mit." Diese unkomplizierte Art war entwaffnend und ich habe nie erlebt, dass einer von ihnen sich über etwas aufgeregt hätte.

An einem Sommerabend beim Goodwood Festival of Speed waren sie gemeinsam mit mir und meiner Ehefrau Nicky beim berühmten Samstagabend-Ball. Da ich am nächsten Tag früh aufstehen musste, verließen wir den Ball früh. Dabei begegneten wir Stirling und Susie auf den Treppen des Goodwood Houses. 

Sie warteten auf ein Auto, das sie abholen sollte. Da mein Auto bereits da war, quetschten wir uns alle in das wartende Auto und fuhren rüber zum Hotel. Auf dem Weg dorthin beschlossen wir, ein Glas Wein auf einem ruhigen Hotelzimmer zu trinken. Daraus wurden mehrere Stunden voller Geschichten, Scherzen und wie immer jeder Menge Gelächter. So viel zu meinem Vorsatz, früh ins Bett zu gehen...

Sehr viel später an diesem Abend bot ich dem Paar an, sie durch die zum Bersten gefüllte Hotelbar zu ihrem Zimmer zu begleiten. Was ich in diesem Moment zu sehen bekam, habe ich bis heute nicht vergessen: Als Sir Stirling eintrat, verstummte die gesamte Bar auf Anhieb, nur um kurz darauf in tosenden Applaus auszubrechen, begleitet von spontanen Standing Ovations. Erwachsene Männer salutierten, andere riefen: "Sie sind eine Legende, Sir." Beifall ertönte und überall wurden Hände nach ihm ausgestreckt. Stirling lächelte und winkte, Susie sah sich glücklich um und kicherte. Er war noch immer "Mr. Motorsport".

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Schatten

Stirling wohnte für mehr als 60 Jahre in der gleichen Straße im Zentrum von London. Sein berühmtes Zuhause war stets vollgepackt mit den neuesten Spielereien. An einem Wochenende war ich im Haus, um Kollegen aus Amerika dabei zu helfen, ein Video-Interview mit Stirling aufzunehmen. Nach den Dreharbeiten sagte er, dass wir Essen gehen sollten. Gegenüber seines Hauses liegt die Bar "Piccolo", ein einfaches Lokal, das von Taxifahrern und legendären Grand-Prix-Rennfahrern gleichermaßen geschätzt wird.

Stirling stellte sich an, bestellte wie üblich seine Hühnchen-Sandwiches und wir gingen zurück zu seinem Haus. Am Ende der Sackgasse, in der sie wohnten, war auf dem Asphalt der Straße eine perfekte Silhouette des "722" zu erkennen, seines berühmtesten Rennwagens.

Familie Moss hatte erst kürzlich renoviert und dabei das Glas auf dem Balkon in einer der oberen Etagen glasieren lassen, sodass an einem sonnigen Nachmittag die Umrisse des Autos auf der Straße zu sehen waren.

Auch an einem der traurigsten Tage wird es dort scheinen, wenn sich die Welt von einer Legende verabschiedet. Wer das Glück besessen hat, ihn kennen gelernt zu haben, darf sich an glückliche Zeiten in der Gesellschaft eines wundervollen, freundlichen und witzigen Paars erinnern. Ich hoffe, dass ich mit diesen Erinnerungen wenigstens einen flüchtigen Einblick geben konnte, wie es war, in Stirlings Gegenwart zu sein.

Sir Stirlings Briefe und E-Mails endeten stets auf die gleiche Art und Weise, und das immer in Großbuchstaben:

CIAO, SM.

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