• Countdown zum W12: Was ist in Brackley los?

Es ist bleibt nicht mehr viel Zeit bis zur offiziellen Vorstellung des Mercedes-AMG F1 W12 E Performance und der ersten Ausfahrt unseres neuen Boliden. Der Countdown läuft... und in den Fabriken in Brackley und Brixworth laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren!

Aber was genau geschieht in den Werken zu dieser Jahreszeit? Wir sprachen mit unserem Technischen Direktor James Allison, um herauszufinden, was gerade in Brackley los ist und warum dies eine der arbeitsreichsten Zeiten des Jahres ist.

In wenigen Wochen erblickt der W12 zum ersten Mal das Licht der Welt, wie laufen die Vorbereitungen in Brackley und woran wird zu diesem Zeitpunkt der Saisonvorbereitung gearbeitet?

James: 2021 ist ein seltsames Jahr. Alles scheint rund zu laufen und das hoffen wir auch, aber der Jahresbeginn ist ganz anders als sonst. Wir haben stets die Frage im Hinterkopf: Haben wir etwas vergessen?

Anders als in einem normalen Jahr, in dem jetzt unzählige Teile aus allen Ecken der Welt in die Fabrik strömen würden, damit wir das neue Auto in letzter Minute zusammenbauen können, ist in diesem Jahr alles ein bisschen anders. Der Grund dafür ist, dass viele Teile im W12 bereits in der Saison 2020 eingesetzt wurden.

Normalerweise würden wir komplett neue Teile testen, zusammenbauen und dann ins Auto integrieren. Stattdessen erwarten uns dieses Jahr mehr Management-Aufgaben, um sicherzustellen, dass wir ausreichend Ersatzteile haben und alles bereit und an den richtigen Stellen ist. Wir testen nur Dinge, die sich geändert haben, anstatt das gesamte Auto zu testen.

Das bringt einen ganz anderen Rhythmus mit sich und führt dazu, dass wir uns immer wieder fragen: Haben wir etwas vergessen? Natürlich haben wir viel zu tun und überprüfen alles doppelt und dreifach, damit wir keine peinlichen Momente erleben, wenn alles in Flugzeuge verladen und an die Strecken versendet wird.

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Derzeit ist viel los in der Fabrik, aber wie lässt sich die Atmosphäre und Stimmung in Brackley vor dem Saisonbeginn zusammenfassen? Ist sie anders als sonst?

James: Obwohl es ein ungewöhnliches Jahr ist, in dem uns COVID zu einer Reihe anderer Rhythmen zwingt, gibt es doch einige Dinge, die sich nicht verändern. Die neue Saison steht bevor und wir haben den Spaß und die Aufregung, bald herzauszufinden, ob unsere Arbeit ausreicht, um ein konkurrenzfähiges Auto zu produzieren und diese Spannung wird stets auch von einer anderen Emotion begleitet: Beunruhigung.

Wir haben nur ein Ziel: Wir wollen ein Rennauto bauen, das an der Spitze mitfahren und hoffentlich Rennen und Titel gewinnen kann. Zu diesem Zeitpunkt des Jahres hofft man, dass man genug dafür getan hat, aber man kann sich niemals sicher sein, bis die Autos das erste Mal auf der Strecke gefahren sind.

Deshalb wird die Aufregung von einer gewissen Angst begleitet, die man ständig im Hinterkopf hat - vom Aufwachen am Morgen, den ganzen Tag lang bis man abends ins Bett geht. Die Angst, dass man nicht genug getan hat.

Obwohl diese Angst etwas an einem nagt, gehört sie zur Spannung der Formel 1 dazu. Mit der Zeit lernt man, damit zu leben. Aber zu dieser Jahreszeit ist sie immer am stärksten. 

Was waren die größten Herausforderungen, denen sich das Team über den Winter seit Saisonende stellen musste?

James: Zu dieser Jahreszeit ist das gesamte Team voll beschäftigt, deshalb ist es schwierig, nur einen einzigen Aspekt oder nur eine kleine Anzahl herauszupicken. Wenn ich etwas auswählen müsste, würde ich mich auf die Veränderungen am aerodynamischen Reglement konzentrieren. Sie kamen relativ spät im Jahr und haben einen recht erheblichen Einfluss auf die Performance des Autos.

In den letzten Wochen und Monaten haben wir uns zum Großteil darauf konzentriert, die Auswirkungen dieser Änderungen auf den Luftstrom rund um das Auto zu verstehen. Dabei wollten wir herausfinden, wie wir die verlorene Performance durch die neuen Regeln zurückgewinnen können.

Das sind arbeitsreiche Zeiten im Windkanal und unseren Computersimulationen. Damit versuchen wir, herauszufinden, wie wir die Performance zurückgewinnen können. Sobald wir in der Aero-Abteilung Fortschritte erzielt haben, müssen wir diese in Komponenten umsetzen, die rechtzeitig für die neue Saison in voller Größe produziert und in das Auto eingebaut werden. 

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Unsere Arbeitsweisen haben sich in den vergangenen zwölf Monaten in Folge der COVID-19 Pandemie stark verändert. Welchen Einfluss hatte das auf das Design, den Bau und die Produktion des W12?

James: Es hat weder uns noch allen anderen, die in der Pandemie arbeiten müssen, besonders viel Spaß gemacht. Aber wir hatten in mehrerlei Hinsicht viel Glück. Zunächst hat die Formel 1 im vergangenen Jahr einige sehr vernünftige Entscheidungen getroffen. So konnten wir ein neues Auto bauen, ohne mit einem weißen Blatt Papier beginnen zu müssen, wie das normalerweise bei einem neuen Projekt der Fall gewesen wäre.

Somit konnten wir viele Aspekte und Teile des Autos aus dem Vorjahr übernehmen, zum Beispiel das Chassis oder das Getriebe. Das hat einen Großteil der Last von unseren Schultern genommen, da wir nicht alles erledigen mussten, was wir normalerweise bei einem neuen Auto machen müssen.

Der zweite Faktor ist, dass wir das Glück haben, gute Anlagen und viel Platz zu besitzen. Dieser Platz hat es uns erlaubt, uns auszubreiten und das nötige Social Distancing umzusetzen, damit alle sicher arbeiten konnten, während wir das neue Auto gebaut haben. Dadurch mag es nicht ganz so viel Spaß gemacht haben wie normalerweise im Winter, wenn wir mit Volldampf an einem neuen Auto arbeiten, aber wir können uns glücklich schätzen, dass wir ein Umfeld und eine Aufgabe hatten, die selbst unter diesen Einschränkungen durch die Pandemie umsetzbar war.

Eine der größten Regeländerungen für 2021 ist die Einführung einer Budgetobergrenze. Welche Herausforderungen bringt diese mit sich?

James: 2021 ist ein wichtiges Jahr für unseren Sport. Es ist das erste Jahr des neuen finanziellen Reglements, der sogenannten Budgetobergrenze. Diese Regeln bringen die Budgets der großen Teams auf das Niveau des Mittelfelds herunter, sodass wir alle praktisch die gleiche finanzielle Kraft haben. Das war eine sehr interessante Veränderung hier bei Mercedes, da wir eines der größeren Formel 1-Teams sind und nun einen Weg finden mussten, wie wir mit viel geringeren finanziellen Ressourcen als früher in die Saison gehen können.

So mussten wir zum Beispiel einen Weg finden, wie wir Komponenten unseres Autos langlebiger machen können, wie wir sie preiswerter produzieren können und wie wir sicherstellen können, dass wir die gleiche Performance wie bislang bringen, obwohl unser Gesamt-Budget gesunken ist. Das ist eine enorme Herausforderung und der Bau des Autos ist nur ein Teil davon. Wir müssen die Autos danach auch einsetzen, weiterentwickeln und die gesamte Saison mit allen Ungewissheiten absolvieren. Zum Beispiel wie viele Unfälle wird es geben? Oder: Wie zuverlässig sind die Komponenten und benötigen wir Ressourcen, um eventuelle Probleme vielleicht zu beheben?

Die beste Antwort auf die Herausforderungen, vor die uns das neue finanzielle Reglement stellt, wäre es, wenn wir von Anfang an ein schnelles Auto hätten. Denn ein schnelles Auto am Saisonbeginn lässt sich im Laufe der Saison preiswerter schnell halten. Hoffen wir also, dass unser Auto schon zu Saisonbeginn gut genug ist, damit unsere Pläne aufgehen und wir trotz der neuen Einschränkungen auf einem hohen Niveau agieren können, sodass wir mit den gleichen Voraussetzungen wie alle anderen kämpfen können.

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Gleichzeitig müssen wir das Reglement für 2022 im Auge behalten. Wie läuft dieses Projekt angesichts des anstehenden massiven Regelumbruchs im kommenden Jahr?

James: Die Saison hat noch nicht einmal begonnen, es ist noch kein Auto vorgestellt worden und noch niemand ist auch nur einen Meter weit gefahren - und trotzdem denken wir alle schon ernsthaft über 2022 nach. Das nächste Jahr ist eine komplette Revolution des technischen Reglements. Was wir in den letzten Saisons gesehen haben, wird am Ende dieses Jahres vorbei sein und durch eine neue Fahrzeuggeneration ersetzt, die gänzlich andere technische Ziele verfolgt. Sie soll das Racing enger machen, indem das vordere Auto nicht mehr die Performance der Verfolger reduziert.

Diese Änderungen sind so umfangreich und die Autos werden danach so anders sein, dass wir in diesem Jahr einen großen Teil unserer technischen Ressourcen dafür aufwenden werden, um aus darauf vorzubereiten. Sodass wir ein gutes Auto haben, mit dem wir uns in den Jahren ab 2022 in einer guten Position befinden.

Das bedeutet für uns: Wir arbeiten an all dem unter der Budgetobergrenze, noch bevor wir das erste Rennen 2021 gefahren sind und während wir unsere Ressourcen so einteilen müssen, dass wir eine effektive Saison 2021 erleben, gleichzeitig aber an der Zukunft feilen und uns auf das spannende neue Reglement 2022 vorbereiten.

Was aktuell im Werk von Mercedes-AMG High Performance Powertrains in Brixworth los ist, verrät euch Hywel Thomas in seinem Fabrik-Update.

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