• Deep Dive: Applied Science Ingenieur Tom Batch über die Arbeit mit dem INEOS TEAM UK

Kaum war Tom Batch, seines Zeichens Principal Engineer bei der Applied Science Abteilung des Teams, aus dem Flieger aus Neuseeland ausgestiegen, sprachen wir bereits mit ihm über seine Erlebnisse mit dem INEOS TEAM UK beim 36. America's Cup!

Wie sieht Deine Rolle bei Applied Science aus?

 

Tom Batch: "Ich bin ein leitender Ingenieur für Projekte, die wir mit unseren Kunden und Partnern bei Applied Science umsetzen. Beim INEOS TEAM UK sollte ich zunächst an der Zuverlässigkeit in Portsmouth mitarbeiten, danach hatte ich das Glück, dass ich für sechs Monate nach Auckland durfte, um dort mit dem Team zu arbeiten. Das war eine klasse Chance für mich.

 

Während ich in Neuseeland war, entwickelte sich meine Rolle weiter und wurde sehr vielfältig. Sie enthielt Elemente wie Planung und Strategie, aber auch das Helfen beim Entscheidungsfindungsprozess im Ingenieursbereich sowie eine Beteiligung im Systems-Team, das wie in der F1 entscheidend für die Funktion einer Jacht ist."

Wie lange gibt es die Zusammenarbeit bereits und was trägt Mercedes F1 zum INEOS TEAM UK beim America's Cup bei?

 

TB: "Vor mehr als zwei Jahren hat alles an Schwung aufgenommen. Unser Direktor bei Applied Science, Graham Miller, hat festgestellt, wo wir ITUK helfen können, ihre Entwicklung zu beschleunigen. Zunächst war es nur eine Handvoll Ingenieure, die in Portsmouth direkt ihre Unterstützung anbot.

 

Graham hatte alles fantastisch im Griff und unsere Jungs wurden zu integralen Teilen ihrer jeweiligen Gruppen. Dadurch waren wir keine Satelliten-Truppe, stattdessen waren sie Bestandteil des Teams und halfen mit ihren Fähigkeiten und ihrem Fachwissen mit. Gleichzeitig brachten wir das Formel 1 Know-how, die Designstandards, das Wissen über die Produktion, Verbindungen im Einkauf ein - wir sorgten dafür, dass alles mit F1-Geschwindigkeit ablief."

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Auf welche Bereiche der Britannia hat sich Applied Science konzentriert?

 

TB: "Wir haben hauptsächlich an Bereichen gearbeitet, die sich direkt von unserer F1-Erfahrung ableiten lassen. Ähnlich wie unter dem Bodywork eines F1-Autos stecken viele der technischen Details einer AC75 Jacht unter dem Deck und den hydrodynamischen Oberflächen. Dazu gehört das Hydrauliksystem, die elektronische Architektur und die Datensammlung, der Antriebsstrang sowie die Flug- und Segelkontrollsysteme. Viele dieser Bereiche liegen auf dem Leven von F1-Technologie.

 

Weitere wichtige Beiträge von Applied Science waren im Bereich des Einkaufs, der Herstellung, der Montage und der strukturellen Validierung der zweiten und dritten Evolution der Tragflächen, die in unserer F1-Fabrik in Brackley beheimatet war. Unter den Lockdown-Einschränkungen in Großbritannien und der globalen Pandemie arbeitete das Team unermüdlich daran, den Plan des Programms einzuhalten und die fertigen Produkte auf die andere Seite der Welt zu liefern, damit die Jungs segeln konnten."

Welche Ähnlichkeiten gibt es zwischen einem F1-Team und einem Segelteam?

 

TB: "Es gibt Ähnlichkeiten bei der Struktur des Teams, diese ist so ähnlich wie es nur geht zu einem F1-Team, allerdings in einer anderen Größenordnung. Beides sind unheimlich technische Mannschaftssportarten, in denen es auf jedes noch so kleine Detail ankommt und jeder Einzelne wird von dem Gedanken angetrieben, am Ende siegreich zu sein.

 

Die Segler kann man mit einem Formel 1-Fahrer vergleichen. Sie konzentrieren sich auf ihre körperliche Vorbereitung und sportliche Performance, besitzen aber auch eine Verbindung zur Ingenieurs-Seite des Ganzen. Sie helfen dem Team dabei, die Entwicklungsrichtung der Jacht festzulegen und geben Feedback, damit diese schneller wird - entweder im Simulator oder auf dem Wasser. Die benötigten Fähigkeiten bei den Technikern sind ebenfalls sehr ähnlich: Mechanische Designer, Konzept-Ingenieure, Operations, Performance-Analyse.

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Die Synergien zwischen einem F1- und einem AC-Team passen perfekt für Applied Science, weil wir viel Erfahrung mit diesen Dingen haben, die sie umsetzen möchten. Die Integration neuer Technologien in den America's Cup ist exponential gewachsen und viele Systeme der Jacht sind neu für viele der Jungs, die in einem America's Cup Team arbeiten.

 

Sie lernen noch darüber und viele der stetig weiterentwickelten Konzepte sind Bereiche, in denen wir Erfahrung besitzen. Sie haben das schnell verstanden und bemerkt, dass wir sie mit unserer Wissensbasis nach vorne bringen können."

 

Und welche Ähnlichkeiten oder Unterschiede sind Dir zwischen den Profi-Seglern und Rennfahrern aufgefallen? Wie gehen sie ihren Sport an?

 

TB: "Die Dynamik ist etwas anders, da es im Cup nur das Team-Element gibt und es keine andere Seite der Box gibt. 

Die Segelcrew lebt als eine Einheit, verbringt viel Zeit zusammen in Briefings, beim Training, bei drei Mahlzeiten am Tag... dadurch werden sie zu einer verschworenen Einheit, das ist sehr wichtig. Die Fahrer haben einen Teamfokus, aber sie möchten den anderen Fahrer auch auf der Strecke schlagen. Es gibt also ein individuelles Element.

 

Die benötigten Kapazitäten sind sehr ähnlich, sie müssen sehr viele Informationen aufsaugen und verarbeiten. Die mentale und körperliche Vorbereitung ist ebenso wichtig. Lewis und Valtteri sagen den Ingenieuren am Ende eines Runs, einer Session oder eines Wochenendes im Debriefing, was sie brauchen, um das Auto schneller zu machen. Genauso ist es auch bei den Seglern, sie nehmen eine Schlüsselrolle ein, wenn es darum geht, den Ingenieuren dabei zu helfen, das Team nach vorne zu bringen. Die Segler verlassen sich auf die Technik und das Performance-Potenzial der Jacht, genauso wie die Fahrer sich darauf verlassen, wenn sie ins Cockpit springen, dass ihr Paket ihnen die Chance gibt, Rennen zu gewinnen.

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Im Segelsport kommt erschwerend hinzu, dass elf Einzelpersonen direkten Einfluss auf die Performance der Jacht haben. Das ist verrückt. Einer betätigt das Steuerrad, einer Gas und Bremse, ein anderer wählt den Modus, die Rennlinie, die Rennstrategie und so weiter... all diese Dinge müssen optimiert werden, um die bestmögliche Performance herauszuholen.

 

Was mir noch besonders aufgefallen ist, ist die Bandbreite, mit der Sir Ben agiert. Das war sehr inspirierend für mich. Er agiert über alle Aspekte und Funktionen des Teams hinweg. 

Er ist auf der kommerziellen Seite involviert, zum Beispiel die Partnerschaft mit Applied Science, ist direkt in die Designrichtung involviert, die Strategie der Ingenieure und springt dann auf die Jacht und ist der Fokuspunkt dieser elf Mann starken Crew, mit der er die Messlatte auf der sportlichen Seite des Unternehmens setzt. Es ist so, als ob Toto zehn Minuten vor dem ersten Training auftauchen und ins Auto springen würde.

 

Er arbeitet am Vormittag an sich beim Fitnesstraining, ist danach um 9:00 Uhr in einem Meeting mit dem Segelteam und danach um 10:00 Uhr in einem Meeting mit dem Designteam und um 11:00 Uhr in einem kaufmännischen Meeting. Er jongliert mit all diesen Bällen und zeigt dennoch diese Leistungen auf dem Wasser. Das ist unglaublich."

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War dein Einsatz wie erwartet und gibt es Geschichten oder Anekdoten aus deiner Zeit mit dem INEOS TEAM UK in Neuseeland, die aus deiner Sicht herausstechen?

 

TB: "Ich erinnere mich noch daran, wie mir vor meiner Reise nach Auckland gesagt wurde: Es wird 'viel Spaß machen, voller Einsatz, aber viel Spaß'. Und genauso ist es gekommen.

 

Ich war sieben Jahre lang mit der Formel 1 an der Rennstrecke und die Stimmung beim INEOS TEAM UK in Auckland hat mich sehr daran erinnert. Es war diese ganz spezielle Einstellung, die es nur in Spitzenmannschaften im Sport gibt, wenn alle an einem Strang ziehen, um ein gemeinsames Zeil zu erreichen. Man verlässt sich auf die Menschen um sich herum und man spürt selbst die Erwartungen, dass man Leistung abliefern muss. Dafür steht man jeden Morgen auf. 

Es war genau so, wie ich es erwartet hatte. Neuseeland ist ein großartiger Ort, die Kiwis sind fantastische Gastgeber und sie lieben den Segelsport. Das hat zu einer fantastischen Atmosphäre geführt. 

 

Zu Beginn war es nicht einfach für uns, besonders im Dezember bei der Christmas Regatta, bei der wir uns erstmals mit unseren direkten Gegnern gemessen haben und die Performance noch weit weg war von dem, wo sie sein sollte. Das ließ sich nicht schön reden, jeder konnte es sehen. Das war richtig hart für das Team und wir mussten uns da gemeinsam wieder herausziehen. Es gab einige fordernde Momente über Neujahr, in denen wir alle zusammen daran gearbeitet haben, diese Probleme zu lösen.

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Das sticht für mich aus diesen sechs Monaten am meisten heraus: Wie das Team während dieser Zeit nicht untergegangen ist. Seit dem AC35 waren fast vier Jahre vergangenen und ohne World Series Veranstaltungen gab es viel Zeit, um Designkonzepte auszuwählen und sie in die Richtung zu entwickeln, die man für richtig hielt. Aber ohne eine echte Performance-Referenz in einer neuen Jachtklasse. Es gab viele Erwartungen und dann wurde auf einmal urplötzlich klar, dass man weit hinter den anderen lag und es blieben nur noch eine Handvoll Wochen, um das zu ändern.

 

Die Abstände waren groß und wenn das Team nicht verstanden hätte, wo die Performance-Unterschiede lagen und so viel wie möglich davon rasch korrigiert hätte, dann wäre der ganze Wettbewerb praktisch im Eimer gewesen. Aber das Team hat nicht aufgegeben.

Bis zum Prada Cup Halbfinale einen Monat später Ende Januar hatte das Team fünf von fünf Rennen gewonnen und es war ziemlich cool, dieses Comeback zu erleben."

 

Was steht als nächstes für Dich bei Applied Science auf dem Programm, wenn du wieder in der Fabrik bist?

 

TB: "Ehrlich gesagt bin ich nicht ganz sicher, was als nächstes kommt. Das ist das Schöne an Applied Science. Ich bin jetzt wieder in Großbritannien und gehe wieder in die Fabrik in Brackley. Dann werde ich sehe, welche Projekte wir haben und was wir dabei tun. Darauf freue ich mich schon!"