• Was können wir in Zandvoort erwarten?

Wie bereiten wir uns auf das Rennen vor?

Noch bevor die Autos am Freitag zum ersten Mal im Training aus der Box fahren, wurde bereits eine enorme Menge an Arbeit in der virtuellen Welt erledigt. So stellen wir sicher, dass wir uns in einer guten Ausgangslage befinden, wenn die Autos erstmals auf die Strecke fahren. Das gilt übrigens sowohl für bekannte als auch unbekannte Strecken.

Einer der wichtigsten Bereiche im Vorbereitungsprozess sind die Computersimulationen, in denen ein Fahrzeugmodell mit einem „virtuellen Fahrer“ gepaart wird, um tausende Computerrunden auf der Ideallinie einer Strecke zu absolvieren (all das findet in topmodernen Simulations-Anlagen statt).

Dabei sammeln wir etliche Terrabyte an Daten, da wir die Runden beschleunigt oder parallel zu anderen Simulationen durchführen können. Dadurch erhalten wir ein breites Spektrum an Setup-Optionen, auf deren Basis wir den optimalen Weg für das Auto bestimmen.

Zudem setzt die Strategieabteilung Computersimulationen ein, um Strategie-Optionen für das Qualifying und das Rennen festzulegen. Die Modelle beinhalten alle Fahrer und Teams, Annahmen für die Boxenstopp-Szenarien, Zeitverluste bei den Stopps, den Reifenabbau und die Wettbewerbsfähigkeit der Autos. Mit diesen Daten berechnen wir in Computersimulationen eine Vielzahl von Szenarien, um festzulegen, welche Reifen wir einsetzen, in welcher Runde wir an die Box kommen und vieles mehr.

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Die Ergebnisse der verschiedenen Simulationen werden verglichen und mit anderen Simulationsdaten übereinandergelegt. So entscheiden wir, was die schnellsten Optionen sind. In diesem Prozess spielen unsere technischen Partner eine entscheidende Rolle, angefangen bei HPE, die die Infrastruktur und Hardware für das Datenzentrum zur Verfügung stellen, bis hin zu den Speicherlösungen von Pure Storage und den Visualisierungs- und Analyse-Tools von TIBCO.

Während die Simulations-Tools auf den Computer laufen, nutzen wir auch den Driver-in-Loop (DiL) Simulator. Hier kommt ein virtuelles Umfeld zum Einsatz, in dem ausgeklügelte Fahrzeug- und Streckenmodelle Verwendung finden. Mit einem entscheidenden Unterschied: Der virtuelle Fahrer wird hier durch einen echten ersetzt. Die Fahrer spulen hunderte von Runden im Simulator ab, testen verschiedene Setups und erlangen so ein besseres Gefühl dafür, was auf dieser Strecke funktioniert und was nicht.

Diese Abläufe sind perfekt darauf abgestimmt, um uns bestmöglich darauf vorzubereiten, wenn die Autos am Freitag auf die Strecke gehen. Ziel ist es, immer mit einer Setuprichtung an die Strecke zu kommen, mit der wir zufrieden sind und auf der wir aufbauen können, während wir unsere Programme abspulen, sodass wir während des Trainings keine großen Veränderungen vornehmen müssen.

Wie unterscheidet sich die Vorbereitung bei einer neuen oder unbekannten Strecke?

Die Vorbereitungsphase ist zum Großteil „business as usual“. Wir durchlaufen unsere üblichen Abläufe und Arbeiten vor einem Rennwochenende. Aber es gibt ein paar Unterschiede, die man bedenken muss und die dafür sorgen, dass die Vorbereitungszeiträume länger ausfallen.

Der DiL und die Simulations-Tools, die in der Formel 1 verwendet werden, nutzen ein extrem komplexes und beeindruckendes Streckenmodell, das Bodenwellen, die Form der Kerbs und die Kurvensteigungen berücksichtigt. Je mehr Details desto besser! Denn dann können wir präzisere Informationen daraus gewinnen.

Bei neuen Strecken haben wir logischerweise diese detaillierten Streckenmodelle noch nicht vorliegen, um sie in unseren Simulationen einzusetzen. Deshalb müssen wir hier bei Null beginnen. Die FIA stellt den Teams CAD-Zeichnungen und High-Tech Lidar-Daten (dafür wird die Strecke per Laser gescannt) zur Verfügung, auf deren Basis 3D-Karten der Strecke erstellt werden.

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Für Strecken, auf denen wir schon gefahren sind, besitzen wir diese 3D-Streckenumgebungen bereits. Dann werden sie jedes Jahr fortlaufend angepasst und überarbeitet. Um eine neue Streckenkarte anzulegen, ist hingegen sehr viel mehr Arbeit nötig, da sie unheimlich detailliert sein muss.

Auf einer neuen Strecke sind die Informationen und Daten, die wir in der virtuellen Welt erlangen können, wahnsinnig wichtig, da wir nur sehr wenige andere Daten aus der Vergangenheit besitzen. Deshalb sind die Teams hier viel abhängiger von den Simulations-Tools, was zu umfangreicheren Programmen führt.

Wenn wir auf einer Strecke schon gefahren sind, absolvieren wir normalerweise ein Zwei-Tagesprogramm vor dem Event. In diesem Zuge werden grob acht Renndistanzen durchgespielt. Bei einem neuen Rennen kommen zwei weitere Tage hinzu, sowie ein weiterer Tag mit den Einsatzfahrern, damit sie sich mit dem Streckenverlauf vertraut machen können.

Was sind die Hauptcharakteristiken der Strecke in Zandvoort?

Zandvoort gehört zu den eher ungewöhnlichen Strecken im diesjährigen Rennkalender. Die Strecke ist schnell, flüssig und vermittelt ein Gefühl der alten Schule.

Es gibt eine Vielfalt an unterschiedlichen Kurvengeschwindigkeiten, die viele Aspekte der Fahrzeugperformance auf die Probe stellen und die Fahrer vor schwierige Herausforderungen stellen. Es gibt auch Höhenunterschiede, die dazu führen, dass es zwischen den Sanddünen auf und ab geht, wie auf einer Achterbahn, ähnlich wie in Portimão.

Eine der markantesten Stellen in Zandvoort sind die beiden superschnellen, steilen Kurven 13 und 14. Die Steilkurve besitzt einen Winkel von 18 Grad und belastet die Reifen in diesem Abschnitt zusätzlich, was sich auf die Haltbarkeit und die Lebensdauer der verschiedenen Reifenmischungen auswirken wird.

Auch das Wetter kann in Zandvoort sehr wechselhaft sein und eine echte Herausforderung darstellen, was potenziell zu Reifenproblemen wie Graining oder Blasenbildung führen könnte. Angesichts der Steilkurve, den High-Speed-Kurven und den Höhenunterschieden ist es keine Überraschung, dass Pirelli die härtesten Reifen in seinem Portfolio ausgewählt hat.

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Welche Streckenabschnitte stellen die größte Herausforderung dar?

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Die Steilkurve, die doppelt so steil ist wie jene auf dem Indianapolis Motor Speedway, wird definitiv eine Herausforderung für die Autos und die Reifen und sie starken Belastungen aussetzen. Für die Fahrer sollte sie aber relativ einfach zu fahren sein.

Es ist jedoch entscheidend, diesen Streckenabschnitt richtig hinzubekommen, da darauf die lange Zielgerade folgt, an deren Ende mit Kurve 1 eine der wenigen Überholmöglichkeiten wartet. Die 180-Grad-Kurve besitzt ein ähnliches Profil wie die erste Kurve auf dem Hungaroring. Dadurch sollte sie eine gute Chance auf ein Überholmanöver und verschiedene Linien bieten.

Die überhöhte Kurve 3 wird ebenfalls eine Herausforderung. Auf sie folgt eine lange, schnelle Passage durch die folgenden Kurven. Hier wird es vor allem auf die Traktion ankommen, um durch die Vollgaspassage Zeit gutzumachen.

Eine weitere mögliche Überholstelle sind die engen und winkligen Kurven 11 und 12. Wer hier gut herauskommt, erhält entweder die Möglichkeit auf eine starke Linie durch die Steilkurve oder kommt nahe genug an den Vordermann heran, um ihm durch die letzten beiden Kurven zu folgen und dann am Ende der Zielgeraden einen Angriff zu setzen.

Zandvoort ist so oder so eine schnelle Strecke und bietet den Fahrern eine spannende Herausforderung, besonders im Qualifying, wenn alle bis ans Limit gehen.