• Der Einfluss von Höhenunterschieden in der F1

Die Rennstrecke in Portimão zeichnet sich vor allem durch eine unverkennbare Charakteristik aus: Ihre vielen Höhenunterschiede. Im Laufe einer Runde gibt es viele Höhenanstiege und Gefälle, fast wie bei einer Achterbahn. 

Die Höhenunterschiede sind viel steiler, als es im Fernsehen den Anschein hat. Aber obwohl sie keine besonders große Herausforderung für die Autos selbst darstellen, besitzen sie sehr wohl einen größeren Einfluss auf die Fahrer...

Welchen Einfluss haben die Höhenunterschiede auf die Leistung des Autos?

Die einfache Antwort ist, dass die Höhenunterschiede die Performance des Fahrzeugs nicht so stark beeinträchtigen, wie man vielleicht annehmen könnte. Sie belasten die Autos etwas stärker, aber diese sind ohnehin dafür gebaut worden, starke Stöße auf den Kerbs und hohe Belastungen auszuhalten. Deshalb ist eine leicht größere Kompression für die Aufhängungen der modernen F1-Boliden kein Problem.

 

Gleichzeitig beeinflussen unterschiedliche Typen von Höhenunterschieden die Autos auch auf verschiedene Art und Weise, jeweils abhängig von der Strecke und deren Topografie. Einige verlangen andere Einstellungen beim Fahrzeug-Setup, um das Auto bestmöglich auf die Streckencharakteristik abzustimmen, während auf anderen der richtige Kompromiss benötigt wird.

 

Sehen wir uns dies am Beispiel von Spa-Francorchamps an: Für das Bergauf- und Bergabstück Raidillon de l’Eau Rouge müssen die Teams die Bodenfreiheit vorne erhöhen. Nur so können die Autos mit den vertikalen Kompressionskräften von rund 3g umgehen, denen sie dort ausgesetzt werden, während sie beim plötzlichen Richtungswechsel auf den Boden gepresst werden - und das bei beinahe vMax (maximaler Geschwindigkeit, auch als Top-Speed bekannt).

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Die vertikale Kompression der Reifen und Aufhängung ist in diesem Streckenabschnitt eine der höchsten im gesamten Rennkalender. Das ist jedoch keine große Überraschung, da Spa den größten Höhenunterschied (102 Meter zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkt) in der Formel 1 aufweist.

 

Dieses Kompressionsniveau spielt auf einer Strecke wie Portimão aber keine Rolle. Obwohl es einige steile Anstiege gibt, werden die Höhenunterschiede nicht mit einer so hohen Geschwindigkeit durchfahren wie in Spa. Der Höhenunterschied vom niedrigsten zum höchsten Punkt fällt nicht so dramatisch aus wie etwa in Spa, so beträgt er nur knapp 30 Meter, aber das Auf und Ab erfolgt dafür öfter.

 

Deshalb haben die Höhenunterschiede schon einen Einfluss darauf, wie sich das Auto im Laufe einer Runde verhält. In Portimão gibt es sowohl Kurvenein- als auch Kurvenausgänge, die bergauf bzw. bergab liegen. Die Strecke bietet also eine Mischung aus allen Möglichkeiten. Aus diesem Grund können die Teams die Fahrzeuge nicht auf die eine oder andere Weise abstimmen, weil dies zu viele der anderen Elemente beeinträchtigen würde. Deshalb müssen sie einen Mittelweg finden, um sicherzustellen, dass das Auto in all diesen Szenarien gut reagiert. 

Ein weiterer interessanter Faktor in Portimão sind die bergab gelegenen Kurvenausgänge, wie etwa in Kurve 11, wo ein 16 Meter Gefälle das steilste Stück der Strecke darstellt. Hier werden die Belastungen auf das Auto "leicht", wenn das Gefälle recht steil ist, und das Auto einfach nur geradeaus weiter möchte. Das geht jedoch nicht, die Schwerkraft und der Abtrieb lassen grüßen, aber die Fahrer spüren dennoch einen merkbaren Gripverlust, der dazu führen kann, dass das Auto instabil wird. Gleichzeitig wird dadurch die Traktion schwieriger, sodass die Fahrer die Leistung erst mit einer gewissen Verzögerung auf den Boden bringen können.

 

Eine weitere Strecke mit offensichtlichen Höhenunterschieden ist der Red Bull Ring in Österreich. Dort gibt es keine Kompression oder ein "leichtes" Gefühl im Auto, aber die Strecke weist eine Neigung auf, und zwar dann, wenn sie von links nach rechts unterschiedlich geneigt ist. Dadurch entsteht eine Art Spiraleffekt.

 

Kurve 3 in Österreich ist ein Paradebeispiel dafür, weil die Kurve einen Kamm besitzt - vom bergauf gelegenen Kurveneingang bis zum Bergab-Ausgang. Während die Fahrer durch diese Kurve fahren, tendiert ein Rad (in diesem Fall das innere Vorderrad) dazu, in der Luft zu stehen, was die Fahrzeugbalance stört.

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Welche Herausforderungen bringen Höhenunterschiede für die Fahrer mit sich?

Wenn wir uns Portimão ansehen, besitzen die Höhenunterschiede einen viel größeren Einfluss auf die Fahrer als auf die Autos. Sie sorgen für einige blinde Scheitelpunkte, darunter die Kurven 8, 11 und 13. Dadurch können sie die Kurveneingänge schwieriger einsehen und nicht so einfach Referenzpunkte zum Bremsen und Einlenken erkennen.

 

Das kann das Lernen der Strecke und das Finden von Speed auf den ersten Trainingsrunden erschweren. Das konnten wir im vergangenen Jahr bei unserem ersten Besuch in Portimão feststellen, als die Fahrer während des Trainings etwas länger brauchten, um sich einzugewöhnen und zu wissen, wo ihre Ideallinien und Bremspunkte lagen.

 

Die kniffligste Stelle für die Fahrer sind die Kurven 10 und 11. Diese Doppelrechts besitzt einen blinden Eingang, an dem die Strecke um rund zwölf Meter ansteigt, und ein steiles Bergab-Gefälle von 16 Metern am Ausgang. Je steiler das Gefälle ist, desto stärker möchte ein F1-Auto abheben. Soweit kommt es aber dank der Schwerkraft und dem Abtrieb nicht.

 

Allerdings verringert sich die Last unter den Reifen (Aufstandsfläche) in Folge dessen, was wiederum Einfluss auf den Grip am Kurvenausgang hat. Dadurch wird das Fahrzeugverhalten auf Strecken wie in Portimão an diesen Stellen etwas unvorhersehbarer, wenn die Strecke dramatisch abfällt.

Der blinde Kurveneingang in 10 und 11 und die Breite der Strecke führen dazu, dass wir hier viele verschiedene Herangehensweisen der Fahrer sehen. Das gilt besonders im Training, wenn sie sich an das Limit herantasten. Aber selbst bei einem blinden Eingang wissen sie mit der Zeit und mehr Erfahrung ganz genau, wohin sie lenken müssen.

 

Durch die Höhenunterschiede müssen die Fahrer eine leicht höhere Belastung aushalten, wodurch das Fahren für sie körperlich anstrengender wird. In Portimão spielt dies aufgrund der Geschwindigkeiten in den Kämmen und Wannen jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Auf einer Strecke wie Spa-Francorchamps sieht dies hingegen ganz anders aus.

 

In der Raidillon de l’Eau Rouge herrscht beispielsweise eine enorme Kompression. Hier müssen nicht nur das Auto und seine Komponenten höheren Kräften standhalten, sondern auch die Fahrer. Glücklicherweise sind dies für die Piloten mit Blick auf die Höhenunterschiede nur kurze, starke Kraftanstiege, die nicht für einen längeren Zeitraum während der Kurvenfahrt ausgehalten werden müssen.

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Haben die Höhenunterschiede auch Einfluss auf das Racing?

Das Auf und Ab einiger Strecken hat einen kleinen, aber entscheidenden Einfluss auf das Racing. In Portimão führen die Höhenunterschiede und die blinden Kurveneingänge dazu, dass es mehr als nur eine Linie gibt. Dadurch können sich Möglichkeiten für Überholmanöver oder Fehler der Gegner ergeben. Abhängig von der örtlichen Topografie kann es die Ideallinie aber auch genauer definieren.

 

Die Sicherheit und die Sicht sind weitere Faktoren, die von den Fahrern berücksichtigt werden müssen, gerade, wenn es mehrere blinde Abschnitte gibt. Dazu gehören in Portimão etwa die Delle vor der ersten Kurve oder das Gefälle nach Kurve 8, wo man erst nach dem Kamm erkennen kann, wo es hingeht. Dies führt zu zusätzlichen Herausforderungen und Gedankengängen, um die sich die Fahrer während einer Session kümmern müssen.

 

Die blinden Kurveneingänge erhöhen auch das Fehlerrisiko im Qualifying, da die Fahrer ihre Brems- oder Einlenkpunkte ohne die üblichen Referenzpunkte einer normalen Strecke wählen müssen, auf der sie freie Sicht haben. Dadurch ist es auf einer Strecke wie Portimão schwieriger, präzise zu fahren, besonders, wenn man während des Qualifyings am Limit agiert.