• Wie entsteht eine F1-Strategie?

Wir haben diese Situation alle schon einmal selbst erlebt: Wir sitzen bequem auf unserem Sofa, verfolgen ein Formel 1-Rennen im Fernsehen und dann trifft ein Team eine Strategie-Entscheidung, die wir sofort anzweifeln. Von außen betrachtet wirkt alles ganz einfach, aber was die Zuschauer Zuhause nicht sehen können, ist die Menge an Daten und Analysen, die hinter diesem allseits bekannten Funkspruch stecken: „Box, Box, Box!“

Was umfasst der Begriff ‘Strategie’ alles in der Formel 1?

Die meisten Menschen verbinden mit einer F1-‚Strategie‘ vor allem den Moment, indem ein Fahrer via Funk an die Box gerufen wird sowie die Entscheidung, welche Reifen dabei aufgezogen werden. Und das stimmt auch. Während eines Rennens ist es das Ziel der Strategie-Abteilung, das eigene Auto optimal im Vergleich zur Konkurrenz aufzustellen, damit es den Grand Prix auf der bestmöglichen Position beenden kann. Um das Gesamtbild zu erkennen, das hinter der Arbeit der Strategie-Abteilung steckt, muss man jedoch ein paar Schritte zurücktreten.

Lassen wir zunächst einmal das Rennen hinter uns. So arbeitet die Strategie-Mannschaft an der Herangehensweise des Teams an das Qualifying. Wenn wir noch einen Schritt weiter zurücktreten, erkennen wir den noch weiter gefassten Ansatz für das gesamte Rennwochenende: Wie möchte man seine Ressourcen und Reifen auf die verschiedenen Sessions aufteilen? Und noch einen Schritt weiter zurück, befindet sich der Blick auf die gesamte Saison: Auf welchen Strecken erwarten wir eine bessere oder schlechtere Performance? Wie gehen wir diese Rennen an und wie verändert sich das Performance-Bild im Laufe der Saison?

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Wie bereitet sich das Strategie-Team auf ein Rennwochenende vor?

Die Strategie-Mannschaft denkt normalerweise schon mehrere Rennen weit voraus, um sicherzustellen, dass die Vorbereitungen rechtzeitig erfolgen. Das Team nutzt alle verfügbaren Daten, um ein detailliertes Bild von allen möglichen Szenarien und deren Auswirkungen auf die Strategie zu erhalten. Nach dem Abschluss eines jeden Rennwochenendes aktualisieren wir unsere Systeme, um die Analysen für die kommenden Rennen neu zu bewerten. Wir sammeln an jedem Rennwochenende eine Unmenge an Informationen und Erkenntnissen, zum Beispiel wo wir schwach sind, wo wir stark sind und wie wir uns verbessern können.

Vor einem Rennwochenende stehen der Strategie-Truppe somit eine Vielzahl an Daten und Informationen zur Verfügung. Angefangen von den Erkenntnissen über die Wettermuster über detaillierte Erfahrungen von unserem letzten Besuch auf der jeweiligen Strecke bis hin zur Reifenperformance und was wir seitdem hinzugelernt haben. Gleichzeitig sehen sie sich die Performancemuster der Autos, die Streckenentwicklung und vieles mehr an. Auf Basis dieser Vorbereitung legen wir fest, was wir von unserem Auto, der Konkurrenz und dem Verhalten der Reifen erwarten können. 

Worauf konzentriert sich das Strategie-Team während des Trainings und des Qualifyings?

Während des Freitagstrainings liegt die Konzentration unter anderem darauf, wie sich die Reifen verhalten und wie lange sie halten. Dabei verwenden wir nicht nur die Daten von unseren Autos, sondern vom gesamten Feld, um dadurch unser Verständnis zu stärken. Es ist schwierig, die nötigen Erkenntnisse aus einer einstündigen Session zu gewinnen, aber wir wollen so viel wie möglich daraus machen.

Dafür stehen uns die Rundenzeiten, GPS, Reifendaten und vieles mehr zur Verfügung, sowohl für unsere beiden Fahrer als auch für unsere Gegner. Unsere Strategen saugen diese Informationen auf, um danach die nötigen Entscheidungen zu treffen. Das Ziel ist, bis zum Ende des zweiten Trainings zu wissen, welche Setup-Veränderungen nötig sind und einen Plan für das Qualifying aufzustellen. Die zweifelsohne wichtigste Entscheidung ist jedoch, auf welchem Reifen wir das Rennen beginnen möchten – und das müssen wir noch vor dem dritten Training festlegen. 

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Am Samstag konzentrieren wir uns deshalb darauf, auf den vorliegenden Datensätzen aufzubauen und uns auf Versuche mit weniger Sprit im Tank zu konzentrieren. So legen wir die Pläne fürs Qualifying final fest: Welche Reifen kommen in welcher Session zum Einsatz? Wie sehen die Run-Pläne aus? Wann verlassen wir die Box? Wie sieht es mit dem Windschatten aus? Und das sind nur ein paar der Elemente, mit denen wir arbeiten müssen. Auf dieser Basis legen wir einen Plan fest (Benzinmengen, Rundenanzahlen und weitere grundlegende Dinge), den wir im Laufe des Qualifyings auf Grundlage neuer Informationen immer weiter feintunen (Streckenentwicklung, Performance der Konkurrenten, Unterschiede zwischen Reifenmischungen und Probleme). Zudem müssen wir auf Einflüsse reagieren, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, zum Beispiel das Wetter oder rote Flaggen.

Da uns nur eine bestimmte Anzahl an Reifen zur Verfügung steht, sind die Run-Pläne und die Auswahl der Reifen für die jeweiligen Versuche eine extrem wichtige strategische Entscheidung. Alles, was in Q1 geschieht, hat einen Einfluss auf die folgenden beiden Abschnitte. Deshalb ist der korrekte Einsatz der Ressourcen auf die bestmögliche Art und Weise ein schwieriger Balanceakt, an dessen Ende die bestmöglichen Startpositionen stehen sollen.

Was muss während des Rennens alles im Auge behalten werden?

Während des Rennens laufen jede Sekunde tausende Datensätze in unseren Strategie-Tools ein, sowohl von uns selbst als auch von unseren Konkurrenten. Das Team hat vor dem Rennen einen guten Ausgangswert für Dinge wie den Reifenabbau, den Zeitverlust bei Boxenstopps, die Wettervorhersage, die Schwierigkeit von Überholmanövern und vieles mehr, aber die Tools werden ständig angepasst, sobald aktuellere Daten zur Verfügung stehen. So kann das Strategie-Team voraussagen, was passieren wird.

Die Strategen beurteilen diese Informationen ständig neu und erkennen Elemente, die in ihren Tools auftauchen und zum Beispiel zur Umstellung auf eine andere geplante Strategie führen oder die aktuelle beeinflussen könnten. Auf diesen Funk-Kanälen herrschen strikte Protokolle vor, die zu einer klaren und präzisen Kommunikation führen. So kann das Strategie-Team Fragen aufwerfen und darüber diskutieren, was gerade passiert, was die Vorhersage für das Rennen im Moment besagt und was in der Zukunft passieren könnte und wie wir in so einem Fall darauf reagieren sollten. 

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Die Strategie wird auch auf weiteren Funk-Kanälen während des Rennens besprochen, zum Beispiel mit Toto und anderen Teammitgliedern am Kommandostand sowie den Renningenieuren. Auf diese Weise wird das Wissen und die Kompetenz aller genutzt, um ihre Meinung mit allen zu teilen.

Die Teams legen bereits vor dem Rennen unterschiedliche Szenarien fest, die sie ständig beobachten. Diese Vorausplanung ist unerlässlich, um schnell und ruhig auf unerwartete Ereignisse reagieren zu können, etwa bei Safety-Car-Phasen. Sollten diese Momente eintreten, geht es nur noch darum, den zuvor festgelegten Plan in die Tat umzusetzen.

Müssen manche Entscheidungen in der allerletzten Sekunde getroffen werden?

Selbst bei einer perfekten Vorbereitung und Vorausplanung ist es unvermeidlich, dass manche Entscheidungen spontan getroffen werden müssen. Das Wetter kann zum Beispiel unberechenbar sein. Dadurch kann es die Strategie-Mannschaft vor einige der härtesten Entscheidungen überhaupt stellen. Die Stärke eines Regenschauers, dessen Stelle rund um die Strecke und der Einfluss auf den verfügbaren Reifengrip können die Reifenwahl zu einer qualvollen Entscheidung machen.

Manche Situationen deuten sich während eines Rennens an und dann müssen die notwendigen Entscheidungen, um von einem festgelegten Plan abzuweichen, binnen Sekundenbruchteilen getroffen werden. So wurde die Entscheidung, Lewis in Monza hereinzuholen, ganz rasch getroffen, da seine Sektorzeit nach dem Stopp seiner Konkurrenten klar zeigte, dass er nicht schnell genug war und die geplante Strategie deshalb nicht aufgehen würde. 

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Während eines Rennwochenendes werden tausende Entscheidungen getroffen, von denen viele für Außenstehende unsichtbar sind. In jeder Session gibt es jede Menge bewegliche Elemente, besonders im Qualifying und dem Rennen, wenn hunderte von Strategie-Optionen analysiert werden müssen, bevor diejenigen ausgewählt werden, die für die eigenen Autos am besten sind.

Die Strategie ist in der Formel 1 wie ein mehrdimensionales Schachspiel, aber genau diese Herausforderung ist es, die alle Strategie-Mannschaften im Feld so sehr genießen und wofür sie immer wieder kommen.